Alle 1188 Artikel von Ralph Hofbauer

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Urlaub in Polen

Nein, es soll hier nicht um die deutsche Band Urlaub in Polen gehen, sondern um tatsächlichen Urlaub in Polen und was einem da neben vielen Konsonanten so zu Ohren kommt – 78s forscht selbst auf Reisen für euch.

Abgesehen von stumpfsinnigen Zwillingszwergen, Plattenbauten und Zapiekanki gibt es auch einige Dinge, für die es sich lohnt in den Osten zu Reisen. Neben der verworrenen Geschichte des Landes, die sich in Städten wie Warschau, Krakau und Danzig niederschlägt und den Naturidyllen der Masuren hat auch die polnische Musik einiges zu bieten. Hört man polnische Radiostationen wird schnell klar, dass HipHop, Dancehall und Indierock längst von polnischen Acts adaptiert wurden, was sich oftmals amüsant anhört.

Neben der allgegenwärtigen Volksmusik hat seit den späten 50ern insbesondere Jazz eine grosse Tradition in Polen, auch wenn es nur wenige Musiker in die Hall of Fame des Jazz geschafft haben. Der “polnische Miles Davis” Tomasz Stanko hat es ebenso zu Weltruhm gebracht wie Krzysztof Komeda, dem Polanski den Soundtrack zu Rosmary’s Baby verdankt. Mit grossem Erfolg aktualisieren gegenwärtig Skalpel den Jazz ihrer Väter, indem sie aus Samples von knistrigen Jazzplatten dunkle Grooves schaffen.

Zusammen mit dem Jazz begann in den 60ern hinter dem eisernen Vorhang trotz (oder vielleicht gerade wegen) der kapitalistischen Untertöne des Rock’n'Roll auch die Rockmusik zu prosperieren. Während hier die Beatles für ohnmächtige Teenager sorgten, brachten in Polen die Czerwone Gitary mit Twist und Beat die Kids zum durchdrehen. Heutzutage sind es die Cool Kids Of Death, die der Jugend den Takt vorgeben. An den schmissigen Songs der momentan wohl angesagtesten Rockband Polens dürften auch westliche Ohren gefallen finden.

Sein eigenes Genre hat in den 70er Jahren Marek Grechuta geschaffen, der Texte polnischer Dichter zu weitläufigen Epen zwischen Folk, Rock, Psychedelia und Klassik vertont hat. Man kann die Poetik seines Schaffens erahnen, selbst wenn man vor lauter Zischlauten nur Bahnhof versteht.


Fresh

Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass bei Anticon emsig an alternativen Entwürfen zum gängigen HipHop gearbeitet wird. “Music For The Advancement Of HipHop” hiess der erste Anicon Label-Sampler und dieses Credo haben verschiedenste MCs und Musiker aus dem Umkreis der San Francisco Bay Area in die erstaunlichsten Resultate umgesetzt.

Die umtriebigsten Exponenten von Anticon kumulieren sich in Subtle gewissermassen zu einer Supergroup. Die prominentesten der sechs Mitglieder sind Adam “Doseone” Ducker, Poet, Sänger und Rapper, sowie Jeffrey “Jel” Logan, Beattüftler und Produzent. Zusammen agieren die Beiden zudem im Duo Themselves und wirken an der Seite von Notwist bei 13 & God mit, während Doseone hat mit cLOUDDEAD noch ein eigenes Projekt hat. Alles in allem vielbeschäftigte Leute also.

Eine einschneidende Tragödie überschattet die Karriere von Subtle. Auf ihrer ersten Nordamerikatour geriet der Bandbus von der Fahrbahn und Keyboarder Dax Pierson verletzte sich so schwer, dass er noch heute im Rollsstuhl sitzt. Es war Pierson der Subtle ins Leben gerufen hatte und an Keyboard-Spielen war für ihn vorerst nicht zu denken. Die Zukunft der Band war ungewiss und man veröffentlichte als Übergangslösung ein Remix- und Kollaborations-Album (u.a. mit Mike Patton und Beck).

Inzwischen ist Pierson weitgehend genesen und Subtle werden sich am 10. Oktober wie Phönix aus der Asche erheben. Für ihr zweites Album “For Hero: For Fool” (Lex/EMI) konnten Subtle sich einen Major-Vertriebsdeal angeln und so werden hoffentlich möglichst viele Menschen erfahren, wie surreal HipHop jenseits von Goldketten und Räuberpistolen klingen kann. Intelligente Inhalte werden in einer Achterbahn der Ideen durch Jazz und Electronica transportiert. Rhymes treffen auf Rockriffs und Falsett-Gesang. Zwischen elektifiziertem Folk lassen GROSSE Beats die Wände erzittern.

Wer behauptet HipHop sei tot, muss sich das nochmal überlegen. Er hat sich nur verändert, um nicht länger der Gefangene seines eigenen Klischees zu sein.

 


Dringlichkeit markiert durch Sonderzeichen

Die Innovationswut beim Aushecken von Bandnamen treibt immer erstaunlichere Blüten. Kein Wunder, als weitere The-Band ist es schwierig geworden Aufmerksamkeit zu erhaschen. Auch Bandwurmbandnamen gibt es mittlerweile wie Sand am mehr. Inzwischen stellen uns Bandnamen gar Fragen oder erteilen uns Befehle. Eagle*Seagull lancieren nun die Ära der Sonderzeichen. Dabei hätten die Sechs aus Nebraska solche Effekthascherei gar nicht nötig – von so betörender Dringlichkeit sind ihre emotionalen Schwelgereien.


Tagträumer

Es gibt Platten, die sind voller Argumente die Zeit müssig verstreichen zu lassen. “Expectation” (TBA/Moshi Moshi) von Matt Harding lässt die Gedanken von Tagträumern in die Ferne schweifen. Der Engländer hat keine grossartige Stimme, doch wie David Kitt und Smog ist er ein Meister der Vertraulichkeit. Seine Songs bieten keine Melodien für Millionen, doch gerade diese Unaufdringlichkeit ist es, mit der Matt Harding seine Sympathien gewinnt. Weniger ist hier wiedermal mehr. Und beim nächsten Mal vielleicht noch mehr.


Feingliedrig

Gewisse Geheimnisse muss man ausplaudern. Würde an dieser Stelle nichts über Cyann & Ben stehen, hiesse es irgendwann: Wieso hat man uns nie etwas davon gesagt? Hinter dem vermeintlichen Duo Cyann & Ben steckt ein Quartett aus Paris, das wunderbar schwelgerische und feingliedrige Musik macht. Musik für Romantiker gewiss, es geht hier schliesslich um Innerlichkeit.

Schuld an dem Bekanntheitsdefizit von Cyann & Ben im deutschsprachigen Raum dürfte einmal mehr der Rösti- bzw. Currywurst-Graben sein. Ähnlich erging es bereits ihren Landsmännern M83, mit denen sie mehr gemeinsam haben, als die Sprache – auch Cyann & Ben erschaffen mit ihrer Musik schwebende Zwischenwelten. Doch wo M83 vorwiegend synthetische Klänge fabrizieren, schaffen Cyann & Ben eine durchwegs organische Athmosphäre.

Am 11. September erscheint der dritte Longplayer von Cyann & Ben, “Sweet Beliefs” (Ever/Namskeio). Es ist ein Album das sich Zeit für Spannungsbögen lässt, ohne je in die Postrock-Dynamik-Falle zu laufen. Die Stimmen von Cyann & Benn harmonieren, als wären sie Bruder und Schwester, während die Instrumente an einem wohlig warmen Plasma weben. Man ist sich einig wohin man will. Into the deep.


Skayonara

Es scheint, als wären die Geister der Skatalites aus ihren jamaikanischen Gräbern auferstanden und hätten sich ausgerechnet in Japan reinkarniert. Das Tokyo Ska Paradise Orchestra kann es nämlich spielend mit den Urvätern des Ska aufnehmen. Die jazzigen Grooves der Big Band changieren souverän zwischen Ska- und Reggae-Rhythmen und man muss schon zwei Holzbeine haben, wenn man da stillsteht. Seit 1989 bringen die zehn gutangezogenen Herren die Clubs zum Kochen. Am 6.9. hoffentlich das Salzhaus.


Schiffbruch als Chance

Das lose Kollektiv der Early Day Miners treibt schon eine geraume Weile sein Unwesen mit ausufernder Psychedelia. Auf “Offshore” (Secretly Canadian/Irascible) haben sie sich selbst übertroffen. Bandleader Daniel Burton nennt das neue Album, das auf einem älteren Song der Early Day Miners basiert, ihren Director’s Cut. Ein Hinweis darauf, dass die Amerikaner Musik für die Grossleinwand machen. “Offshore” zu hören heisst sich im Ocean Of Sound treiben zu lassen, ohne jemals Land zu sehen.


Billig! Doch Vorsicht – dies ist kein Sonderangebot

Billige Musik kann grossartig sein, wenn sie Fantasie und Humor hat. Beides vermisst man bei Lo-Fi-Fnk. Die Schweden machen auf ihrem Debut Boylife (TBA) so etwas wie LoFi-House, schlagen aber trotzdem Wellen bis in Indie-Gefilde, da sie vom hippen Label Moshi Moshi (u.a. Bloc Party) veröffentlicht werden. Bei mir stellen sich Assoziationen wie “Lady (Here me tonight)” ein… ihr wisst schon… “cause my feeling is just so right”. Das geht zu weit. Ich bleib bei den Labelgenossen Hot Chip.


“Sweet madness here we go again”

Es waren vier lange Jahre ohne das Pony. Am 1.9. trabt es wieder an und schüttelt seine Mähne vor dir. Du brauchst nur aufzusteigen. “Mit dir sind wir vier”, sagen Koze, Cosmic und Erobique vom International Pony-Club. Reite mit ihnen durch Märchenländer, in denen der König Funk regiert. Galoppiere entlang von Flüssen warm und deep, nasche von süssen Melodie-Früchten und treffe Kreaturen, die Soul im Herzen tragen. Worauf wartest du? Spring auf!


Qual der Wahl

Ufff. Rund zwanzig Alben erscheinen diese Woche. Versuchen wir die Spreu vom Weizen zu trennen. Die CDs von Iron Maiden haben die meisten von euch wohl längst auf dem Flohmarkt verkauft und das neue Bob Dylan-Album ist sicher nicht sein bestes. Auch bei Beenie Man, Method Man und The Roots fragt man sich, ob sie den Zenit nicht bereits überschritten haben. Broadcast und Laurent Garnier recyclen altes Material - auch kein Muss also. Raul Paz und Mana kommen mir spanisch vor und Charlotte Gainsbourg flüstert noch immer wie Jane Birkin damals mit ihrem Vater. Bleiben noch acht Alben. Wer gerne in Klubs verkehrt, dem seien Lo-Fi-Fnk und Mekon empfohlen, Soulbrothers und Funksisters sollten es mit Amp Fiddler oder Omar versuchen und wer gerne schmust, kann das mit Nerina Pallot, Jesse Harris, Spencer oder The Dears tun.

Diese Woche neu:

Amp Fiddler – “Afro Strut” (PIAS/Musikvertrieb)

Raul Paz – “En Casa” (Naiv/Musikvertrieb)

Mekon – “Something Came Up” (Wall Of Sound/Musikvertrieb)

Laurent Garnier – “Retrospective” (PIAS/Musikvertrieb)

The Dears – “Gang Of Losers” (Bella Union/TBA) 

Lo-Fi-Fnk – “Boylife” (Moshi Moshi/TBA)

Spencer – “This World” (recrec)

Broadcast – “The Future Canyon” (Warp/Musikvertrieb)

Omar – “Sing (If You Want It)” (Phonag)

Jesse Harris – “Mineral” (Phonag)

Charlotte Gainsbourg – “5.55″ (Warner)

Nerina Pallot – “Fires” (Warner) 

Mana – “Amar Es Combatir” (Warner)

The Roots – “Game Theory” (Def Jam/Universal)

Method Man – “4:21 The Day After” (Universal)

Beenie Man – “Undisputed” (EMI)

Iron Maiden – “A Matter Of Life And Death” (EMI)

Bob Dylan – “Modern Times” (Sony)

 


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