Portugal: Zwischen Nostalgie und Sehnsucht nach besseren Zeiten
Von Marco Durrer | 11. Mai 2008 | 5 Kommentare
Guter Fussball ist wie gute Musik: leidenschaftlich, druckvoll und treffsicher. 78s präsentiert die Teilnehmerländer der Fussball-Europameisterschaft von ihrer musikalischen Seite. Heute: Portugal.
Während zahlreiche portugiesische Fussballer den Weg ins lukrative Ausland finden, bleibt die Musik vornehmlich innerhalb der Landesgrenzen. Es ist gerade das intimste nationale Gut, das international am meisten Resonanz findet: der Fado. Ursprünglich in den Armenvierteln Lissabons entstanden, wurde der meist von Sängerinnen vorgetragene und durch die Guitarra untermalte Stil bereits im 19. Jahrhundert populär.
Fado heisst sinnigerweise “Schicksal” und handelt von unglücklicher Liebe, sozialen Missständen, schmerzhafter Nostalgie und der Sehnsucht nach besseren Zeiten – ein Ausdruck der unübersetzbaren “Saudade”, der spezifisch portugiesischen Form eines melancholischen Weltschmerzes.
Als Königin des Fado gilt Amália Rodriguez, deren Gesangs-Karriere 1939 startete, sie auf alle Erdteile führte, ihr rund 170 Alben und nach dem Ableben 1999 eine dreitägige Staatstrauer bescherte. Als männliches Pendant wird ihr Förderer Alfredo Marceneiro angesehen. In den 1990er Jahren wurde der Fado durch junge Künstlerinnen wie Mísia, Dulce Pontes oder Katia Guerrero wiederbelebt.
Neben vielen allzu geschniegelten und eurovisionstauglichen Interpretationen finden sich Einflüsse des Fado aber auch in anderen Spielarten. Madredeus, eine der international bekanntesten Bands, verband ihn mit Klassik und selbst Nelly Furtados “Folklore” ist nicht unwesentlich durch ihre portugiesischen Wurzeln geprägt. Eine (für östliche Ohren aber ziemlich leise bleibende) Rockszene konnte sich erst nach der Nelkenrevolution 1974 ungehindert entwickeln.
The Gift erlangte mit ElektroPop beachtliche Bekanntheit, Blasted Mechanism tendieren zu Orientalischem, Kussondulola fröhnen mit Reggae der fröhlichen Seite der Saudade und Blind Zero wurde in den letzten zehn Jahren zur (kommerziell) “hottest live rockband”. Icon & The Black Roses beweisen ein Faible für härtere Töne, nur noch getoppt von Moonspell, die mit ihrem Metal den Gottesglauben auslöschen wollen. Von deren Energie und Radikalität sollte sich die portugiesische Nationalelf mal ne Scheibe abschneiden, um nicht weiter von der Sehnsucht nach besseren Zeiten gequält zu werden.
Portugiesische Musik im Zeichen der Saudade:
Katia Guerreiro – Dulce Caravela
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Mísia – Fado do retorno
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The Gift – Facil de Entender (youtube)
Bisher erschienen in der 78s-Euro-08-Serie:
> Schweden
> Holland
> Russland
> Griechenland
> Spanien
> Rumänien
> Türkei
> Österreich
Die Illustration stammt aus dem Euro 08-Sammelalbum des Tschuttiheftli, dem einzig wahren Fussballbildli-Album: > Mehr Infos.
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