78s has left the building. ¯\_(ツ)_/¯

Dr. Pop, sind Reunionen grundsätzlich überflüssig?

Von    |   26. Juni 2009   |   9 Kommentare

Grundsätzlich schon, meint Dr. Pop. Früher war zwar nicht alles besser, die meisten Bands aber schon.

Dr. Pop

Die Halle ist nur halb so gross wie auf der letzten Tour. Und nicht mal ausverkauft. Auf der Bühne stehen drei Rockdinosaurier, die von den Spätfolgen ihrer kometenhaften Karriere gezeichnet sind. Der einst so attraktive Sänger ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Der Gitarrist, der damals wie eine Raubkatze über die Bühne preschte, kann sich nur dank Schmerzmitteln auf den Beinen halten. Der Bassist reproduziert seine Parts so mechanisch wie ein aus einer Hitfabrik entlaufener Roboter. Der Drummer ist auffallend jung. Er wurde engagiert, weil der ursprüngliche Schlagzeuger 1977 an seiner eigenen Kotze erstickt ist.

Reunionen haben nur allzu oft einen tragischen Beigeschmack. Nach einer Auszeit von zehn, zwanzig oder gar dreissig Jahren mit Würde auf die Bühne zurückzukehren, ist nicht einfach. Erst recht nicht als Rockband, denn rockende Senioren sind in der Regel wenig glaubwürdig. Einst Stilikonen, Sexsymbole, ja fleischgewordene Götter, stehen sie heute als Normalsterbliche mit einem Bierbauch auf der Bühne. Gefangen im Käfig ihrer eigenen Hits, hassen sie ihr Repertoire Abend für Abend mehr. Sie sagen sich, gut, wir machen das ja nur wegen dem Geld, doch als auch dieses nicht mehr reinkommt, geben sie auf – im Wissen den Mythos um die eigene Band endgültig zerstört zu haben.

Wie die letzten Jahre gezeigt haben, kann kaum eine Band der Versuchung einer Reunion widerstehen. Die einen lockt das Geld, die anderen suchen Bestätigung für ihr verkümmertes Ego, manche reformieren sich aus purer Langeweile, wieder andere machen es aus Liebe zu den Fans, so behaupten sie zumindest. Auch wenn die Performance zu wünschen übrig lässt, kriecht das Publikum der Illusion der Vergangenheit auf den Leim. Denn letztendlich geht es bei allen Reunionen um das Schwelgen in Erinnerungen, um das gemeinsame Durchleben der eigenen Jugend. Was in der nostalgischen Verklärung der Fans glücken mag, ist objektiv betrachtet zum Scheitern verurteilt. Stars verglühen wie Sterne. Das alte Feuer lässt sich durch eine Reunion nicht wieder entfachen.

Die Reunionen von The Police, Van Halen, Sex Pistols, New York Dolls, Mötley Crüe, My Bloody Valentine und The Smashing Pumpkins waren nicht mehr als eine museale Beschwörung der Vergangenheit. Professionell und routiniert zwar, doch ohne die Dringlichkeit der goldenen Zeiten. Die Künstler haben sich meilenweit von ihren eigenen Songs entfernt, die Energie, die Meisterwerke hervorgebracht hat, ist längst verpufft. Erst recht fehlt diese Energie, wenn Schlüsselfiguren tot sind. The Doors ohne Jim Morrison sind wie Whisky ohne Alkohol, Queen ohne Freddie Mercury wie die ATP-Tour ohne Roger Federer. Da macht man es doch besser gleich wie die Beatles, veröffentlicht ein Videospiel, und führt die Reunion im virtuellen Raum durch.

Die Faith No More-Reunion hat nur deshalb funktioniert, weil Mike Patton seine alte Band auch heute noch glaubwürdig verkörpert. Im Gegensatz zu Billy Corgan ist Patton als Musiker nach wie vor relevant. Ob im Studio oder auf der Bühne – Patton ist hungrig und authentisch geblieben. Genauso wie Damon Albarn, dessen kreatives Potenzial ebenfalls noch nicht vollends ausgeschöpft scheint. Blur ist durchaus noch ein Album zuzutrauen, das die Band in die Gegenwart transportieren kann. Eine Perspektive, die fast allen Bands, die wieder zusammenfinden, fehlt. Alles was sie haben, ist eine gemeinsame Vergangenheit. Alles was sie können, ist sich selbst zu covern.

Bands, die über eine Reunion nachdenken, sollten sich ein Beispiel an ABBA nehmen. Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid gestehen sich ein, dass ihr Feuer Ende der 70er erloschen ist. Björn Ulvaeus kommentierte die Comeback-Gerüchte wie folgt: „Why disappoint the fans – and why disappoint myself?“

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