78s has left the building. ¯\_(ツ)_/¯

Türkei: Meltingpot am Rande Europas

Von    |   2. Mai 2008   |   9 Kommentare

Guter Fussball ist wie gute Musik: leidenschaftlich, druckvoll und treffsicher. 78s präsentiert die Teilnehmerländer der Fussball-Europameisterschaft von ihrer musikalischen Seite. Heute: Türkei.

Wie gut die Türkei und die Schweiz das im wahrsten Sinne des Wortes umstrittene WM-Ausscheidungsspiel vom 16. November 2005 verdaut haben, wird sich in der Vorrunde der Gruppe A zeigen. Der Heimvorteil der Schweiz ist gering, schliesslich leben in der Schweiz immerhin 75000 Türken. Über ihre Esskultur wissen wir viel, über ihre Musik wenig. Tarkan hat unsere Meinung darüber fast eigenhändig geformt.

Dabei hat die Türkei musikalisch viel zu bieten: Als Schnittpunkt zwischen Orient und Okkzident ist die Türkei ein musikalischer Melting Pot sondergleichen. Die Einflüsse der türkischen Musik reichen von Musik aus dem Balkan über indische, arabische und persische bis hin zu byzantinischer Musik. Entsprechend komplex ist ihre Geschichte.

Bis in die 20er wurde die türkische Volksmusik (Türk Halk MüziÄŸi) von der osmanischen Elite unterdrückt, die stattdessen die türkische Kunstmusik (Türk Sanat MüziÄŸi) propagierte. Mit der Entstehung der türkischen Republik wendete sich das Blatt zugunsten der Volksmusik. Parallel dazu existierte die Roma-Musik, die „Ayin“ genannte Musik der Dervische, die durch reisende Barden verbreitete Alevitische Musik und die Arabeske. Nach dem Militärputsch von 1980 kam mit der politisch linken Özgün Müsik schliesslich noch eine weitere Spielart dazu.

Westliche Popmusik begann in den 60ern ihre Spuren in der türkischen Musik zu hinterlassen. Sezen Aksu ist die Mutter, Orhan Gencebay der Vater des türkischen Pop. Gencebay spielte in unzähligen Filmen mit und ist ein Meister auf der Saz, der türkische Laute, die in elektrischer Ausführung in den späten 60ern auch vom ersten türkischen Rockmusiker Erkin Koray benutzt wurde. Fikret Fizilok verband dagegen Folk mit anatolischer Musik und Okay Temiz fusionierte türkische Klänge mit Jazz.

Einen guten Überblick über die Geschichte und die Gegenwart der türkischen Musik gibt der Film „Crossing The Bridge“ von Fatih Akin. Neben türkischen Musiklegenden portraitiert er kontemporäre Exponenten der Istabuler Musikszene, zum Beispiel die erfolgreichste türkische Hiphop-Truppe Ceza oder die Oriental-Dub-Pioniere Baba Zula. Nicht im Film, aber Freunden von Electronica und Jazz ebenfalls zu empfehlen: Ilhan Ershain, der wie Baba Zula beim innovativen Label Doublemoon ist.

Orhan Gencebay – Hatasiz Kul Olmaz (youtube)

Baba Zula & Mad Professor – Kisaltmalar (Dub Mix)
[audio:http://www.78s.ch/wp-content/uploads/2008/05/14-kisaltmalar-dub-mix.mp3]

Ilhan Ersahin – Ask
[audio:http://www.78s.ch/wp-content/uploads/2008/05/04-ask.mp3]

Fikret Kizilok – Yeter Ki
[audio:http://www.78s.ch/wp-content/uploads/2007/07/01-audiotrack-01_112.mp3]

Erkin Koray – Arap Saci
[audio:http://www.78s.ch/wp-content/uploads/2008/05/14-arap-saci.mp3]

Kamuran Akkor – Sevigin Edir Hic Bilmedim
[audio:http://www.78s.ch/wp-content/uploads/2008/05/01-sevin-edir-hic-bilmedim.mp3]

Bisher erschienen in der 78s-Euro-08-Serie:
> Schweden
> Holland
> Russland
> Griechenland
> Spanien
> Rumänien

Die Illustration stammt aus dem Euro 08-Sammelalbum des Tschuttiheftli, dem einzig wahren Fussballbildli-Album: > Mehr Infos.