More Morr!

Frustriert? Liebeskummer? Kopf hoch! Morr Music wird dich für immer lieben – behauptet zumindest die Webpage des Labels. Verlieben kann man sich in so einiges, was Morr an Lager hat, in B. Fleischmann, Lali Puna oder das Tied & Tickled Trio zum Beispiel. Filigrantechniker der Spielarten Indie, Elektronik und Jazz finden beim Berliner Label ein zu Hause. Gemeinsam ist Morr-Alben das Feingefühl für akustische Seelenlandschaften und Artwork, das Downloader vor Neid erblassen lässt. Drei sehr verschiedene, aber kongeniale Morr-Releases werden diesen Herbst zu einem Spätsommer machen. Die totgeglaubten Weilheimer Couch beweisen, dass instrumentale Gitarrenmusik nicht langweilig sein muss, Guther lassen auf sanfte Weise den Indie-Rock hochleben und F.S. Blumm zeigt, wie schön Kammermusikjazz sein kann. Wer more Morr will kann hier ein Interview mit Labelgründer Thomas Morr lesen.


Von 0 auf 4 “gestürmt”

Sie können einem richtig leid tun, diese Künstler. Da reisen sie nach Montreux und versuchen ihren Job zu machen und müssen dann noch schön hinstehen und lächeln, weil ein paar abzockende Label-CEOs ihnen irgend einen “Gold Award” überreichen, weil ihr Album in einem Land, dessen Namen sie kaum aussprechen können von 0 auf Platz 4 in die Hitparade “gestürmt” ist. Das sind in der Schweiz vielleicht 5’000 verkaufte Platten (wenn’s gut läuft und Sommer ist, also kaum Alben erscheinen). Wir sehen hier den genialsten Hiphop-Produzenten unserer Zeit, Danger Mouse, und seinen dicken Sänger, Cee-Lo. Die beiden langweilen sich ganz offensichtlich zu Tode zwischen den Warner-Funktionären. Hoffentlich springt wenigstens Flüssiges für Gnarls Barkley dabei raus. Ach ja: Der ältere Herr ganz links ist übrigens Claude Nobs, der Vater des Montreux Jazz Festival. Er weiss wahrscheinlich nicht, worum es hier geht.


Zukunftsmusik

Am 15. September erscheint das neue Album von Dani Siciliano. Die Vorab-Promo klingt tatsächlich als käme sie aus der Zukunft, so futuristisch steht die Klangarchitektur von “Slappers” (K7/Namskeio) im Raum. Ein ganz anderes Album als das vielgelobte Debut “Likes” ist es geworden. Weniger Kerzenlicht, mehr Drive. “Slappers” entschlackt Genres wie R&B, Funk und Soul zu Groove-Skeletten und Song-Miniaturen. Siciliano verwendet Stilmittel von Songs, in deren Videos reichlich Champagner über Bikinis fliesst, und torpediert textlich gleichzeitig die Arschfixiertheit solcher Musik: “Use your head, not your behind.” Ihren Po braucht Siciliano lieber in Herbert’scher Manier zum Musikmachen: Der Beat der B-Seite der Single “Why Can’t I Make You High” besteht aus einem Sample von einem Klaps auf den Allerwertesten.


Gordon Browns nukleare Raketen

Rockmusiker mit Bart. Das Archie Bronson Outfit zeigt sich auf dem Album Derdang Derdang in Hochform – dank schlechter Laune!

78s: Archie Bronson Outfit und Derdang Derdang sind spezielle Namen. Wofür stehen sie?
Sam The Cardinal: Das ist schwierig zu sagen. Hoffentlich sind es Titel, die für diese Sachen stehen, an die wir glauben. Sie können auch für all die anderen grossartigen Bands stehen, denen wir in den letzten Jahren begegnet sind.

Eure Bärte. Sind die ein Statement oder nur ein modisches Accessoire?
Die sind einfach das Gegenteil von nichts. That’s it.

Was war die letzte Sache, die du “dead funny” fandest?
Als Gordon Brown neue nukleare Raketen für uns kaufen wollte.

Bei eurem Label Domino sind auch die Arctic Monkeys untergebracht. Seid ihr froh, dass ihr nicht so gehypet werdet?
Yes! Definitely! Ein Hype kann wirklich eine zwiespältige Angelegenheit sein. Wir fühlen uns wohler, nicht gehypet zu werden.

Während eures Auftrittes am Greenfield Festival hatte ich den Eindruck, dass vier mies gelaunte Herren auf der Bühne stehen. Stimmt das?
Es gibt tatsächlich einen Teil in uns, der so ist. Aber natürlich gehen da auch andere Dinge ab. Wir wollten, dass auf Derdang laute und wütende, mit leichteren und lockereren Momenten gemixt werden. Das sind jene Parts, in denen die Beats und Girls ins Spiel kommen. Du kannst nicht die ganze Zeit damit verbringen, schlecht gelaunt zu sein.

Ihr seid auf eigene Faust von Zürich nach Interlaken gefahren. Kommen solche Aktionen öfters vor bei euch?
Wir machen das gerne so. Manchmal bringen uns Freunde an die Konzerte, aber meistens fahren wir selber. Viele Bands verschwenden ihr Geld für solche Dinge. Und die meisten Bands machen nicht viel Geld.


Frühstücken mit Razorlight

Du wolltest schon immer mal mit echten Rockstars Speck braten und Eier kochen? Kein Problem, der NME macht’s möglich: Das Megaphon der britischen Musikszene verlost ein English Breakfast mit Razorlight, deren aktuelle Single passenderweise “In The Morning” (Vertigo Records/Universal) heisst. Also nichts wie mitmachen an der Verlosung. Aber Achtung: Razorlight singen: “In the morning, you won’t remember a thing…”.


Wicked Games

In den USA im letzten Jahr schon aus den Presswerken entlassen, erfährt “Hearts and Unicorns” (Universal) von Giant Drag nun auch in unseren Breitengraden offizielle Berücksichtigung (Stream zum ganzen Album hier). Any und Micah bilden wohl derzeit das charmanteste Indie-Pop-Ensemble. Der Sound ist lasziv und sexy. Im Kopf formen sich Bilder von sich räkelnden Damen mit engen und knappen Sommerkleidern, die die Bezeichnung Kleid eigentlich gar nicht mehr verdienen. Prall und drall eröffnen sich einem die Melodien. Exotische Früchte und Sirenen dürften nicht mehr allzuweit entfernt sein. Und Kinder der späten Achtziger aufgepasst: Wer bei Exotik, lasziv und Sirenen nicht an Chris Isaak und an das Video zu “Wicked Games” denkt (Yeah, mit Helena Christensen), der hat nicht gelebt. Ja, und genau diesen Song covern Giant Drag auf “Hearts and Unicorns”. Und das rockt ungemein.
Kevin is Gay (Video)
This isn’t it (Video)

Hier gibt’s noch mehr Links zu Giant Drag


Peter Bjorn and John

Dein Leben wird anders werden, wenn du erst einmal eine von drei CDs von Schwedens bestgehütetem Geheimnis gewonnen hast. Mail an info@78s.ch genügt. Falls du gewinnst, darfst du dich beim Vertrieb TBA bedanken.


Presslufthammer auf Speed

Millionäre werden die belgischen Rocker Millionaire mit ihrem Sound garantiert nicht. Der Albumtitel “Paradisiac” kann das, was man sich darunter vorstellt und dann zu hören kriegt nicht unter einen Hut bringen. Millionaire tönen nach einem Presslufthammer auf Speed. Auf ihren Liveauftritt auf der Sommerbühne in der Roten Fabrik am 18. Juli (Tags darauf aufm Basler Schiff) darf man trotzdem gespannt sein. Denn live wird ihnen attestiert, sowohl druckvoll als auch tanzbar zu sein. Wie gesagt: Presslufthammer auf Speed.


That’s city life.

Mit ihrer Hommage an ihre Heimatstadt London (“LDN”) hat Lily Allen den Sommerhit dieses Jahres gelandet. Jetzt da ihr Album (“Alright, Still”, EMI) veröffentlicht ist, ist klar: Lily Allen ist der Sommerhit des Jahres. Wie es sich für einen Hit gehört, ist das Album sofort an die Spitze der Charts gestürmt, dank tatkräftiger Unterstützung des Bekanntheitsmulitiplikators MySpace. Dort wurden die Vorabhits “LDN” und “Smile” bereits millionenfach angehört. Und weil Lily Allen und ihr Management von EMI wissen, wie man MySpace nutzt (was niemanden stört ausser dem FACTS), steht nun das ganze Album zum Anhören bereit.

Der Vergleich mit Mike Skinner alias The Streets drängt sich auf. Unbekümmert, unverblühmt und unglaublich schwungvoll erzählt Allen aus dem Leben einer 20-jährigen Britin – ähnliches kennt man von Skinner aus männlicher Perspektive. Genüsslich erzählt Allen in “Smile”, wie sie sich an einem Ex rächt: “When I see you cry, yeah it makes me smile”. Auch wer Nachhilfe darin braucht, wie man lästige Pubbekanntschaften los wird, ist bei Allen richtig (“Knock ‘Em Out”): “Du kannst meine Nummer nicht haben, ich habe mein Telefon verloren”, “Aus uns wird nichts, ich bin schwanger”, “Ich muss jetzt los, mein Haus brennt ab und ich habe Herpes, ehm, nein, Syphilis”. Unterlegt sind diese klaren Worte mit einem poppigen Gemisch aus Reggae, 2-step/Garage, Hiphop mit stark in den Vordergrund gemischten Beats. So fetzt der Grossstadtsommer. Ja, die Grossstadt. Lily Allen liebt sie und besingt sie wunderbar in “LDN”: London als ein Ort, wo auf den ersten Blick alles schön nice aussieht und dahinter sich lauter Lügen verbergen. “Life, that’s city life”, trällert Allen, so dass wir ihr honigsüsses Lächeln förmlich hören können.

Nach den drei Knallern zu Beginn flacht das Album etwas ab, allerdings kaum störend. Wie würde Allen sagen: “That’s city life”.


Röhrlijeans und Lederjäckchen

Das erste Schweizer Konzert von The Strokes am Montreux Jazzfestival ist Vergangenheit. Und was bleibt hängen? Nicht viel. Eine professionelle Band mit einer professionellen Show. Rock für den Mainstream, der die Bands live gerne so hat wie zu Hause im CD-Player. Doch die New Yorker Begründer des Retro-Rockbooms haben halt durchaus das gewisse Etwas. Die Songs kamen straight, alle Hits waren da, der Style hat gestimmt. Der Auftritt war glatt wie die Vintage Lederjäckchen und so tight wie die Röhrlijeans der Protagonisten. Ne gute Rockshow allemal, aber Stricke haben sie keine zerrissen. Die an dieser Stelle so hoch gepriesenen Poni Hoax hielten indes nicht, was sie versprachen. Sie waren zu monoton, zu statisch, zu langweilig einfach. Guess What, die zweite Vorband, setzten dem durchschnittlichen Abend das I-Tüpfelchen auf: Möchtegern-U2s mit einer Animations-Stadionrockshow.

(Bild Copyright Montreux Jazz Festival)


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