Alle 1294 Artikel von Ralph Hofbauer

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Wiegenlieder aus dem hohen Norden

Der Joik ist ein eintönig-gutturaler Obertongesang, mit dem die Ureinwohner Lapplands Tiere und Naturphänomene besingen. Wie so viele indigene Völker wurden auch die Samen lange Zeit unterdrückt und mit Alkohl ruhiggestellt. Heute gibt es noch rund 60’000 Samen, die in den nördlichsten Teilen von Norwegen, Schweden und Finnland leben und ihre Traditionen trotz Mobiltelefonen und Schneemobilen weitgehend aufrecht erhalten haben. So auch den Joik.

Sara Mariella Gaup und Lawra Somby wuchsen beide in Samifamilien auf, der Joik wurde ihnen in die Wiege gelegt. Zusammen haben sie die Band Adjagas gegründet, mit der sie die lappländische Volksmusik auch Leuten näher bringen wollen, die bis anhin nichts über diese wussten. Überbracht wird uns das Debutalbum von Adjagas nämlich nicht von einem obskuren World Music-Label, sondern von Ever Records (Vertrieb: Namskeio), denen wir auch die wunderbaren Cyann & Ben zu verdanken haben. Produziert wurde die Platte von Andreas Mjos, der bereits mit Jaga Jazzist und Susanna & The Magical Orchestra gearbeitet hat. Man kann Adjagas also durchaus auch hören, wenn man eher träumerische Indieplatten als Traumfänger zu Hause hat.

Obwohl Adjagas eigentlich genau dies sind, Traumfänger. Der Begriff Adjagas beschreibt in Sprache der Samen den Dämmerzustand zwischen Schlafen und Wachen – schliesslich behaupten die Samen, dass ein Joik, der bewusst geschrieben wird, keine Seele hat. Der Sänger ist lediglich das Medium für das Murmeln der Natur. Verträumt, still und schwebend deshalb auch die Musik von Adjagas. Die Sprache und der Gesang hören sich zunächst sehr fremd an und doch hat ihr Klang etwas so vertrautes, dass man glaubt darin Wiegenlieder von universaler Gültigkeit zu erkennen. Wer gerne Musik hat, die nichts sein will ausser sich selbst, der dürfte sich zu Hause fühlen in dieser von eisiger Kälte umgebenen Hütte, in der das wohligwarme Feuer des Joik lodert.


Chris und Carla kuscheln wieder

Nach dem 05er-Album von The Walkabouts melden sich Carla Torgerson und Chris Eckman als Duo zurück, wie bereits vor acht Jahren einmal. “Fly High Brave Dreamers” (Glitterhouse/recrec) ist eine schöne Platte geworden, eine zu schöne fast. Man ist versucht die Melancholie gewisser Arrangements als abgegriffen und Eckmans Gitarrensolos als konservativ zu bezeichnen – doch dann perlt dieser Rotweinpop wieder so wunderbar im Kerzenlicht, dass sich alle Verliebten dazu schleunigst einen gemütlichen Valentinskuschelabend machen sollten. Fazit: Manchmal schwerfällig, oft schwerelos.


Indie-Sternchen-Stelldichein auf Rachels Dachboden

Rachel Fuller, Musikerin und Tochter Partnerin von Pete Townshend, kuratiert seit einiger Zeit die Internet-TV-Indie-Sternchen-Ständchen-Serie “In The Attic”. Der untenstehende Zusammenschnitt bestätigt meine Vorurteile gegenüber NME-Titelseiten-Bands (ZutonsKooksEditorsFratellis): Sie tönen alle gleich. Das mag eine ignorante Verweigerungshaltung meinerseits sein, doch es gibt nun mal Bands, die mir wichtiger sind. Eels oder The Flaming Lips beispielsweise, die ebenfalls auf dem Dachboden antreten. Und wer ist eigentlich dieser Ed Harcourt?

Als Tondokument ist “Attic Jam” ab sofort bei itunes zu haben.

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Mittendrin statt nur dabei:The bianca Story Tourtagebuch

The bianca Story werden uns häppchenweise in 78 Wörtern und bunten Bildern von ihrer Europatour berichten. Und da die fünf Basler noch keine Platte veröffentlicht haben, aber eine von internationalem Format in petto haben, sind wir alle schon mittendrin, bevor’s mit dieser Band überhaupt so richtig losgeht. Losgehen tut die Reise für The bianca Story in einer Woche, doch da wir ja eben immer schon da sind, bevor’s losgeht, könnt ihr ihnen bereits vorher beim Packen über die Schulter schauen.


Nick Cave: Workaholiker?

“Ich fühle, dass etwas passieren wird. Was genau? Keine Ahnung; es ist eine bestimmte Musik, die langsam in mir wächst.” Mehr ist Nick Cave zum neuen Bad Seeds-Album noch nicht zu entlocken, das er im Juli einspielen will. Doch soviel steht fest: Zeit zum Rasten und Rosten hat er keine. Demnächst erscheint eine Live-DVD-Box (4 CDs!) und die von Sven mit Recht zum Pflichtstoff erklärte Über-Platte von Grinderman. Schafft es Cave dieses Jahr gleich mit drei Projekten auf die Bestenlisten?


Und welche Musik hört Ihr Kater?

An Miezen fehlte es an der KrakauKrashDisco nicht – doch alles, was ich mit nach Hause brachte, war ein Kater. Schuld daran sind die billigen Drinks, die im ehemaligen Schulhaus an der Jägergasse 7 ausgeschenkt werden, dessen labyrinthartigen Räumlichkeiten mich gestern um Mitternacht verschluckten und erst im Morgengrauen wieder ausspuckten. Ich bin mir nicht sicher, ob ich geblieben bin bis das Licht anging, weil die Musik tatsächlich immer besser wurde oder ob mich dies nur meine intoxizierten Sinne glauben liessen. Zumindest der Minimal-Elektro der mitmischenden Basler Produzenten thomonn und eLm klingt jedenfalls auch nüchtern gut.

Ich erwachte mit einer Belämmerung aus dem Koma, die mir jegliche Denkleistung verunmöglichte und fragte mich in diesem lethargischen Dämmerzustand, welche Band meinen Kater wohl am sanftesten mit Streicheleinheiten zum Einschlummern bringen würde. Idealerweise wäre diese Katermusik möglichst sanft und unaufgeregt beschaffen. Doch welche Musik schmeckt wie die lethargische Melancholie, die nach einer Sause pelzig im Gaumen klebt?

Bohren und der Club of Gore wirken gegen die gegen die Nachwehen des Nachtlebens so effizient wie Alka Seltzer & Co. Im Club of Gore wird nämlich weder gelärmt, noch gesungen, noch getanzt und die Musik von Bohren ist das exakte Gegenteil von Bohrgeräuschen. Vielmehr befasst sich der Club of Gore mit übersinnlichen Klangphänomenen von betörender Sanftheit. Trotz ihrer Metalvergangenheit sieht die Musik der “langsamsten Band der Welt” der Stille zum Verwechseln ähnlich. Mit ihrem dunklen Zeitlupenjazz erzeugen Bohren ein Vakuum, das nun schon seit über 10 Jahren sämtlichen Einflüssen der lärmigen Aussenwelt erfolgreich standhält. GROSSE Musik. Grösser als mein Kater.


Was machen eigentlich…

…die Fräuleinwunder des Pop?
Sie schüren fleissig unsere Vorfreude:
Feist macht ein neues Album (VÖ 23.4.: Mit an Bord die Ganze Avant-Pop-Clique: Jamie Lidell, Gonzales und Mocky), Laura Veirs auch (VÖ: 26.3. Ein neuer Song ist bereits auf Myspace zu hören) und Björk ebenfalls (VÖ: Mai. Timbaland produziert, Antony ist – entgegen aller Gerüchte – nicht auf dem Album, irgendetwas haben die Beiden aber doch am Laufen). Cat Power und Coco Rosie hingegen bitten noch um Geduld.


Mein neues Home Office

Ich verbringe mein halbes Leben vor dem Computer. Deshalb litt ich lange Zeit unter starken Rückenschmerzen – bis ich den Ergopod 500 für mich entdeckte. Dieser ergonomische Geniestreich hat allerdings auch seine Schattenseiten. Um mich herum türmen sich Pizzaschachteln, Chipspackungen, Bierdosen und überquellende Aschenbecher. Seit Tagen habe ich das Bett nicht mehr verlassen. Wozu auch? Das Leben findet auf dem Bildschirm statt. Mein einziges Problem: Ich habe noch immer keine Website gefunden, wo ich mal kurz aufs Klo kann.


Herrlichstens

Die Legende besagt, er habe MC Hammer damals in mehreren Battles besiegt. Inwischen ist Sammy Stephens so tief gesunken, dass er Werbung für Brockenhäuser machen muss. Im Vergleich mit Hammers legendärem “Can’t Touch This” wirkt Sammys aktueller Hit “Mini Mall Rap” zwar eher behäbig, das Timing seiner Rhymes ist dafür umso genauer. OK, die Sache mit MC Hammer ist erfunden, aber Sammy Stephens gibts wirklich und er ist grossartig. Oh Mann, ich liebe diesen Typen:

[flash]http://www.youtube.com/watch?v=FJ3oHpup-pk&eurl=[/flash]


Sieht nicht danach aus, aber hier gehts um Innerlichkeit

Keine Angst, auch wenn sie ein wenig aussieht wie Joan Baez, mit ihren laaangen Haaren und dem ganzen Indianerschmuck, ist Jesse Sykes aus Seattle nicht einfach eine weitere harmlose Folkchanteuse. Und obwohl sie fast so viel Grazie wie Carla Bruni hat, ist sie mehr als eine weitere gutaussehende Singersongwriterin. Nur schon deshalb, weil ihre Backing Band The Sweet Hereafter mit allem aufwartet, wonach facettenreicher Pop verlangt, von Klavier und Orgeln, über Bläser und Geigen bis hin zu Chören und verzerrten Gitarren.

In diesen Tagen erscheint (zumindest webweit) das dritte Album von Jesse Sykes & The Sweet Hereafter, worauf psychedelic Rock, Americana und orchestraler Folk auf wunderbare Weise zusammenfinden. Es trägt einen Titel, der Innerlichkeit verspricht: “Like Love, Lust & The Open Halls Of The Soul”. Jesse Sykes Stimme ist denn auch von einer traumfängerischen Romantik, die man gewiss als sentimentalen Empfindsamkeitskitsch abtun kann. Einige Songs müssen sich solchen Urteilen bestimmt stellen, doch wer genau hinhört, den wird dieses Epos mit seiner Harmoniesucht weichklopfen. Die Arrangements nehmen sich alle Zeit der Welt und verführen mit ähnlich rustikaler Melancholie, wie jene von Bonnie Prince Billy oder Okkervil River. Ein Album, das Zeit braucht. Wer genug davon hat: Zum Albumstream gehts hier lang.


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