Alle 1282 Artikel von Ralph Hofbauer

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Altherrensoul mit funktionierender Libido

Der Godfather ist tot. Ein anderer, der diesen Titel ebenfalls für sich in Anspruch nimmt, ist nach wie vor wohlauf. Er soll den Rap noch vor James Brown erfunden haben, weil er bereits in den 50ern mit Sprechgesang am Start war. Wenn er sich nicht “The Black Godfather” nennt, ist er wahlweise “Mr. Rhythm”, “The Duke Of Dirty-Ass”, “The Legendary Lord Of Lascivious Lyrics” oder “The Baron Of Badass R’n’B”. Seine Aliasse lügen nicht, Andre Williams ist ein bad Motherfucker.

Wie der kränkelnde Lee Hazelwood ist auch Andre Williams eine lebende Legende und doch nur eine Schattenfigur der Popgeschichte. Die meiste Zeit seiner Karriere schaute er anderen bei ihren Erfolgen zu. Die Songs, die Williams selber performte, waren zu rauh, um Hits zu werden und seine Texte zu schlüpfrig. Hinter den Kulissen der Hitfabrik Motown agierte Williams jedoch als erfolgreicher Songschreiber und Produzent, u.a. für Stevie Wonder oder Funkadelic. Als Williams Anfangs der 70er mit Ike Turner zusammenspannt, geben sich die beiden einem 18-monatigen Dauerexzess hin, der offenbar zuviel des Guten war. Verkatert und ausgemergelt verschwindet Williams in der Versenkung und landet in der Gosse. Bis ihm John Spencer Ende der 90er – wie Williams selbst sagt – das Leben rettet, worauf er seinen zweiten Frühling mit sleazigem Garage-Rock auslebt.

Nun kehrt Andre Williams zu seinen Wurzeln im Rhythm & Blues zurück. Sein neues Album groovt so entspannt, dass er schafft, was nur den wenigsten Legenden gelingt: mit Würde zu altern. Was der 70-Jährige mit “Aphrodisiac” (Vampi Soul/Karbon) auftischt, ist Altherrensoul mit funktionierender Libido. Mal gibt Williams den Crooner, mal singt er kehlig wie ein Bluessänger, mal schmoov wie ein Soul-Gigolo. Der dicke Soundteppich, den die Diplomats Of Solid Sound für Andre Williams ausrollen, ist gutabgehangen und doch frisch, klassisch und trotzdem vielseitig. Sollte “Aphoridsiac” Williams’ letzter Streich sein, wäre dies ohne Frage ein sexy Testament.


Dini Mueter

Beleidigungen wie “Dini Mueter isch e verdammti Missgeburt” sind für die heutigen Kids so selbstverständlich wie Klingeltöne. Dabei hatte Mr. T, auch bekannt als B.A. vom A-Team,  schon in den 80ern versucht mit Rap der Diffamierung von Müttern entgegenzuwirken – offensichtlich ohne Erfolg.

[flash]http://www.youtube.com/watch?v=7_rBidCkJxo&eurl=[/flash]

Wenn wir grad bei Songs über Mütter sind: Erinnert ihr euch an diesen? Oder diesen?


Zum Heulen

“Wayfaring Stranger” war schon immer ein Song, der mich bewegte, egal ob Johnny Cash, Dusty Springfield oder Sixteen Horsepower ihn interpretierten. Nun singt ein 23-Jähriger dieses gut 200-jährige Traditional und ich bin den Tränen nicht nur nahe, nein, sie kullern mir gleich reihenweise die Wange runter. Keine Frage, Jamie Woon ist eines der grössten Gesangstalente unserer Zeit. Lauscht seiner Stimme und schluchzt mit mir – doch schliesst bitte nicht die Augen, das Video ist nämlich auch wunderschön:

[flash]http://www.youtube.com/watch?v=0lq2k7rmjdY[/flash]


Wünsch dir was


Sie werden kommen. Mit ihnen Gewummer, Gestank, Geschrei und mehrtägige Ausnahmezustände. Nicht von Kriegstruppen, von Festivals ist die Rede. Die popbesessenen unter euch stellen sich vielleicht jetzt schon Wunsch-Lineups zusammen, die Festival-Booker machen sich an die Kandidatenlisten. Noch ist es nicht zu spät. Wünscht euch was. Es muss nicht realistisch sein. Ich wünsche mir zum Beispiel ein Festival auf einer tropischen Insel mit Fat Freddys Drop. Sollte der Vorschlag realistisch sein, werden wir ihn an die entsprechende Stelle weiterleiten.


Von der Jam-Session zum gemeinsamen Projekt

Our Theory ist die erste Kollaboration des französischen Trompeters Eric Truffaz mit Ilhan Ersahin, Produzent und Saxophonist türkischer Abstammung. Veröffentlicht wird diese Theorie auf Ersahins Label Nublu (recrec). In der Praxis werden Truffaz’sche Solos mit Ersahins orientalisch angehauchten Grooves gepaart, an denen zudem Leute von Wax Poetic mitgebastelt haben. Heraus kommt dabei hypnotischer NuJazz auf der Höhe der Zeit. Organisch, minimalistisch und trotzdem detailverliebt. Vielleicht gelingt das Experiment etwas gar reibungslos, doch es bestätigt ihre Theorie des Jazz.


Hype-Alarm: Lily Allen 2.0

Lily Allen startete zeitgleich mit uns. Sie startete durch, wir – naja, taten unser bestes, auch wenn wir selten so gut waren. Jedenfalls herrschte bezüglich dieser Zuckerpuppe aus London eine Hysterie, die ich nie nachvollziehen konnte. Allen (nicht Lily), die schon damals nichts mit Allens naivem Rap-Singsang anfangen konnten, sei versichert: The worst is yet to come. Die Dame heisst Kate Nash und hat statt einem Fahrrad ein Keyboard. Das Video zur Single “Caroline” (V.Ö. 5.2.):

[flash]http://www.youtube.com/watch?v=IwsBacKQwLU&eurl=[/flash]

Skills statt Frills gibts HIER.


Bracken?

1200 v.Chr. wurden die ersten Bracken von den Phöniziern und Griechen als Tauschobjekte nach Europa gebracht. Vor allem die Kelten beschäftigen sich intensiv mit der Brackenzucht, worauf sich im Zuge der Völkerwanderung die Bracken in ganz Europa verbreiteten. Heute gibt es die Tiroler Bracke, die Brandl-Bracke, die steirische Rauhaarbracke und die alpenländische sowie die westfälische Dachsbracke (Bild). Gemeinsam ist ihnen ein ausdauernder Jagd- und Spurwille, hervorragendes Orientierungsvermögen, Leichtführigkeit und ausgeprägte Ambition zur Schweißarbeit. Bracken sind vielseitig, intelligent, ausdauernd, kinderfreundlich und familienbezogen.

Leider sind diese Informationen wenig dienlich, wenn es darum geht die Musik von Bracken zu charakterisieren. “Intelligent” ist – neben dem melancholischen Blick - das einzige Attribut, das sie mit ihren Namensvettern teilen. Zum Jagen sind Bracken zu apathisch, zum Bellen zu schüchtern, für Familien zu eigenbrötlerisch und “vielseitig” sind sie auch nicht, denn “We Know About The Need” (Irascible) prägt ein eintöniger Sound. Und das ist gut so, denn obwohl Brackens Musik eine schläfrige Monotonie anhaftet, ist sie keineswegs zum Gähnen. Zu dicht sind ihre Texturen, zu wohlig ist die Wärme, die dieser eisig kalte Fluss paradoxerweise ausstrahlt.

Bracken sind die vielleicht stillste Band auf dem Ausnahmelabel Anticon, dessen übrige Vertreter sich in ekklektischem Sinne eher an HipHop orientieren. Mit seinem Nebenprojekt Bracken bewegt sich Chris Adams, der Hauptberuflich bei Hood musiziert, weg von den Gitarren hin zu einer Musik, die nicht ganz in die Schublade Indietronics passen will. Eine sanfte Stimme, geisterhafte Choräle, Synthieflächen und Blasinstrumente schweben über dubbigen Bässen und Drumloops. Bracken bauen in den Raum, als gebe es keine Schwerkraft und bleiben auch nach mehrmaligem hören so flüchtig wie ein schöner Traum.

Ich geh dann mal mit Bracken Gassi. Im flüchtigen, wattig weichen Schnee.


Rocken ist tödlich

Gleich noch eine Statistik zum Thema. Wer rockt, stirbt früher, das war schon so, als man noch glaubte rauchen sei gesund. Für nebenstehende Tabelle wurden die Todesursachen von rund 300 frühzeitig verstorbenen Rockstars untersucht.

Die Frage “Was wählst du, Leben oder Tod?” kommt etwas überraschend, wenn man auf dieser Seite ganz runterscrollt. Wie sich herausstellt, dient die Statistik nur dazu den Rock’n’Roll-Lifestyle im Namen Gottes zu verteufeln. Mit Schaudern habe ich “I choose death” angeklickt. Ich lebe noch.


Film ab

Sowohl in Bern als auch in Zürich laufen Dokufilmreihen an, die monatlich historische Momente der Popmusik in bewegten und bewegenden Bildern zeigen:

Der Musikfilmzyklus “Song & Dance Men” präsentiert in der Berner Cinématte ab dem 31. Januar Filme über Dylan, die Flaming Lips und Daniel Johnston. Die Einführungen dazu bestreiten Grössen der Schweizer Popintelligenzia (u.a. Alex Albert Kuhn, Ralph Hofbauer, Christian Gasser).

Die Musikschau lässt im Zürcher Corazon die Bilder für sich sprechen. Gratis! Nächster Termin: 11. Februar mit einer Ramones-Doku.


Blumfeld lösen sich auf

“Ein Kreis schließt sich. Nach sechzehn Jahren Blumfeld hat Autor, Sänger und Gitarrist Jochen Distelmeyer in Absprache mit den übrigen Bandmitgliedern Andre Rattay (Schlagzeug), Vredeber Albrecht (Keyboards) und Lars Precht (Bass) beschlossen, die Band aufzulösen.”, heisst es auf ihrer Homepage.

Doch bevor Distelmeyer die Rektorstelle an der Hamburger Schule endgültig abgibt, trifft er Massnahmen, damit die Rente gesichert ist: Die ersten drei Blumfeld-Alben werden wiederveröffentlicht, es erscheint eine auf 3000 Stück limitierte 5CD-Box und schliesslich geht’s auf Abschiedstournee.


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