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Dr. Pop, gibt es in Liechtenstein eine Musikszene?

Von    |   21. Juni 2012   |   5 Kommentare

Dr. Pop hat sich im Ländle umgehört. Ein Szenereport.

In Liechtenstein sieht eigentlich fast alles ganz so aus wie in der Schweiz. Und doch ist etwas anders. Die Strassen sind noch etwas sauberer und die Machenschaften, so weiss man seit der Liechtensteiner Steueraffäre, noch etwas schmutziger. Hinter den putzigen Fassaden scheinen dunkle Mächte zu regieren. Versucht man das ominöse Fürstentum zu erkunden, steht man bereits nach 25 Minuten Fahrt an der Grenze zu Österreich. So bleibt der Binnenstaat ein weisser Fleck auf der Landkarte, auf dem Autos mit schwarzen Nummern herumkurven.

Terra incognita ist das Fürstentum auch in musikalischer Hinsicht. Liechtenstein hat bis anhin lediglich einen Popstar hervorgebracht und genau genommen ist auch dieser nur ein sogenannter Starproduzent. Wir erinnern uns: Al Walser war der Mann, der sich nach Jackos Tod als dessen Busenfreund aufspielte. Ein Liechtensteiner, der angeblich in Los Angeles eine sagenhafte Karriere als Musikproduzent machte, deren vorläufiger Höhepunkt die Produktion der Debüt-Single von Jürgen Drews Tochter Joelina ist. Mit Videodreh in Flumserberg.

Im Gegensatz zu anderen Kleinstaaten wie Andorra oder Malta hat Liechtenstein noch nie am Eurovision Song Contest teilgenommen. Der Wille wäre da, doch blieben bislang alle Versuche ohne Erfolg. Der Grund für das Scheitern des Vorhabens ist medialer Natur. Lange gab es im Fürstentum nämlich keine Fernsehanstalt, die der Europäischen Rundfunkunion hätte beitreten können. Als letztes Land Europas hat Liechtenstein 2008 einen eigenen TV-Sender erhalten, dennoch blieb 1FLTV der Beitritt zur Eurovision bis heute verwehrt. Doch das Fürstentum gibt nicht klein bei. Für die diesjährige Ausgabe wollte man das Quartett Viologics kurzerhand für die Schweiz ins Rennen schicken, schaffte es aber nicht in die Vorauswahl.

In einem Land, in dem es keine Charts gibt, in die man es schaffen könnte, ist es nicht einfach zu beurteilen, wann einer Band der Durchbruch endgültig gelungen ist. Wer am Sauntschäck in Triesen auftreten darf, ist von diesem jedenfalls nicht mehr weit entfernt. Die Veranstaltung, an der einheimische Newcomer auftreten, feiert am 22. September ihr 20-jähriges Jubiläum und findet wegen Umbauarbeiten ausnahmsweise nicht im Gemeindesaal Triesen, sondern im Camäleon in Vaduz statt. Organisiert wird der Event von den Freunden der Liechtensteinischen Blues- und Rockmusik (FLBR).

Gemessen an den 36’000 Einwohnern sind die Liechtensteiner kein unmusikalisches Volk. Die Website der FLBR listet immerhin rund 50 einheimische Acts inklusive Genrebeschreibung auf, darunter Stile, die ausserhalb des Fürstentums erst noch erfunden werden müssen. Das Genre Electronic Groove Metal hat eine Band namens Etta Zero ins Leben gerufen. Black Sonic nennen ihren Stil Punch Rock. Beide gehören zu den erfolgreichsten Bands der Szene. Etta Zero haben unter dem Namen Downfall auf so hohem Niveau musiziert, dass Radio Liechtenstein eines ihrer Stücke zum Best Song International gekürt hat, und arbeiten nun unter neuem Namen an einem neuen Album. Black Sonic können immerhin auf eine zweiwöchige UK-Tournee zurückblicken.

Rockmusik der härteren Gangart scheint im Fürstentum überaus beliebt. Eines der beliebtesten Sub-Genres in der einheimischen Rockszene ist Gothic-Rock. Erben der Schöpfung, Weltenbrand und Talianas Onyx machen das Fürstentum zum Transsylvanien Zentraleuropas. Mit Elis hat das Ländle gar seine eigenen Evanescence. Amerikan Beauty stehen auf Rock und gleichzeitig auf Disco, wie ihr Supermax-Cover beweist. Pussylovers lassen vor dem inneren Auge eine Hair Metal-Band auferstehen, obwohl sämtliche Bandmitglieder kurze Haare haben. Wie Demonium und I Am Chaos klingen, kann man sich anhand der Namen ausmalen.

In Liechtenstein, so scheint es, setzt man auf Altbewährtes. Statt den Nachwuchs zu fördern sponsert die LGT Bank die Altrocker Inferno. So sind die Namen in der Szene des Fürstentums oft origineller als die Musik – die populärste Coverband des Landes nennt sich Wuascht’N’Brot. Rääs sind so etwas wie die Züri West des Fürstentums, können der Berner Schule aber ebenso wenig das Wasser reichen wie die Schmuserocker Keaden den Lovebugs. Dass die musikalische Zeitrechnung in Liechtenstein noch nicht in der Gegenwart angekommen ist, beweist ein Zitat, das sich auf der Website von DropDown findet: „Gespielt werden hauptsächlich Coversongs von Bands die im NuRock/Metall (sic!) angesiedelt sind. Das Repertoir (sic!) erstreckt sich jedoch von guten alten Grunge-Bands die Anfang der 90′ hype (sic!) waren, bis hin zu den heutigen Bands wie 3 Doors Down, Papa Roach und Stone Sour.“

Nach einer Indie-Szene muss man in Liechtenstein lange suchen, doch es gibt sie. Zwar lassen die MySpace-Seiten von The Dead Leaves und The Yottas vermuten, dass beide Bands mittlerweile das Zeitliche gesegnet haben, doch mit The Honk Moments ist immerhin eine liechtensteinische The-Band nach wie vor aktiv. Paul Sails For Rome sind das Indiefolk-Duo der Stunde und ein gewisses Hitpotenzial ist ihren Songs nicht abzusprechen. Elektronische Musik scheint in Liechtenstein – Al Walser mal ausgenommen – inexistent. Auch HipHop fristet ein Schattendasein, obwohl Iceslam Pionierarbeit geleistet haben. Ihr Motto: „Miar sind ned dia beschta, aber sicher dia erschta.“ Die Konkurrenz hält sich bis heute im Rahmen.

> Leserfragen an: dr.pop(ät)78s.ch

Joelina Drews feat. Al Walser – Trendsetter


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Viologics – Falena


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Black Sonic – Dare To Fail


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Etta Zero – Album Teaser


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Weltenbrand – Das Nachtvolk


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Erben der Schöpfung – Jane Churm


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Elis – Der letzte Tag


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Amerikan Beauty – Love Machine


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Wuarsch’N’Brot – Whatever You Want


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Rääs – Bis du sälb


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Keaden – Here I Am (Unplugged)


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Paul Sails For Rome – The Wolves


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Iceslam – Du+I

[audio: http://www.iceslam.com/ICESLAM-Du+I.mp3]

5 Reaktionen

  1. #1 Simon Aeschbacher

    11:34 Uhr, 21.6.2012, Link

    Die Frage hätte anders gestellt werden sollen: gibt es in Lichtenstein eine Musikszene, über die zu berichten es sich lohnt? Angesichts der hier aufgeführten Beispiele scheint eine Antwort schnell und unvorteilhaft auszufallen. Aber verlässt sich Dr. Pop zu sehr auf YouTube? Allzuoft wird in der modernen Diagnostik der direkte Kontakt mit dem Patienten vernachlässigt. Das Internet findet überall statt. Eine Musikszene nicht.

  2. #2 Kusi

    12:07 Uhr, 21.6.2012, Link

    Worüber es sich definitiv zu berichten lohnen würde, ist der umtriebige triesenberger Stephen Malkmus: Moritz Schädler, aka. MoreEats:
    http://moreeats.bandcamp.com/

  3. #3 kilian

    09:58 Uhr, 24.6.2012, Link

    Ich denke nicht, dass sich Dr. Pop zu sehr auf Youtube verlassen hat – nur ist es eine gute Möglichkeit die Musik nachher im Post einzubinden, damit sich die Leser ein besseres Bild machen können.
    Wenn die Liechtensteiner Musikszene in der heutigen Zeit nicht auch im Internet stattfindet und wenigstens ein wenig musikalisch auf sich aufmerksam macht, dann gibt es wohl kaum was Interessantes darüber zu berichten. Es sei denn, man untersuche die liechtensteinische Gothic- oder Coverbandszene, was für die Leser hier wohl kaum Relevanz hätte.

  4. #4 severin

    16:40 Uhr, 24.6.2012, Link

    Jep. Elis, bzw. Erben der Schöpfung fehlen hier.

  5. #5 Gabriella

    13:59 Uhr, 26.6.2012, Link

    Lustig, dass Kusi schneller war als ich. Wollte genau das selbe schreiben. MoreEats!

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