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  • Dr. Pop, sind Jazz-Hörer Masochisten?

    Von    |   4. August 2010   |   13 Kommentare

    Viele Musikhörer leiden unter einer Jazz-Phobie. Was zur Hölle, fragen sie sich, soll an dieser nervtötenden Katzenmusik so toll sein?

    Ein Patient berichtete mir neulich von den Hörgewohnheiten seines Nachbarn. Manchmal sei es nur ein jämmerliches Winseln, vielfach ein ekstatisches Kreischen und dann wiederum ein röchelndes Hyperventilieren, das aus der Nachbarswohnung herüber dringe. Es fühle sich an, erzählte mein Patient, als wäre seine Wohnzimmerwand eine Wandtafel, über die ein gigantischer Fingernagel kratzt.

    Verglichen mit dieser Katzenmusik, die, wie mein Patient bemerkte, ihren Ursprung ebensogut in einem Irrenhaus haben könnte, habe sich das Kindergeschrei, das er in seiner letzten Wohnung hatte ertragen müssen, geradezu melodisch angehört. Dabei sieht der Nachbar eigentlich ganz vernünftig aus: Ein Nickelbrillenträger in Jeans, Rollkragen und Sakko. Das Publikum des Jazzkonzerts, das mein Patient vor Jahren aus beruflichen Gründen besuchen musste, sei ähnlich gekleidet gewesen. Er habe sich damals beim besten Willen nicht vorstellen können, dass irgendjemand im Saal das Konzert genossen habe.

    Nach der Schilderung seines Leidens fragte mein Patient: Sind Jazzhörer Masochisten? Manche von ihnen gewiss, gab ich ihm zur Antwort. Vielleicht sind Ihnen, liebe Leser, an einschlägigen Veranstaltungen auch schon die versteinerten Mienen aufgefallen, die das Geschehen auf der Bühne mit gequältem Ernst mitverfolgen als würden sie einer griechischen Tragödie beiwohnen. Das auf gestuhlten Rängen sitzende Jazz-Publikum gibt sich im Gegensatz zum manierenlosen Pop-Mob ja sehr kultiviert. Bei stillen Sequenzen lauscht man andächtig. Nach virtuosen Soli applaudiert der Connaisseur.

    Für Aussenstehende, die mit den sonderbaren Klängen und Ritualen der Szene nicht vertraut sind, mag Jazz wie das instrumentale Onanieren eines Taubstummen anmuten. Je falscher die Töne, desto grösser der höfliche Applaus. Doch so aufgesetzt die intellektuelle Attitüde des Genres mancherorts auch wirken mag – im Geiste ist der Jazz eine tiefgründige, ja spirituelle Musik. Während sich der eitle Pop hinter der Maske der Vanitas verbirgt, ist der Jazz auf der Suche nach Transzendenz. Dass unzählige Jazzmusiker zum Islam konvertiert sind, kann kein Zufall sein.

    Wie aber kann man die Religion Jazz verstehen? Wie jede Religion ist auch der Jazz keine rationale Angelegenheit, die sich wissenschaftlich erklären lässt. Man kann lediglich die Geschichte dieser Musik, die sich im Laufe der Jahre immer wieder neu erfunden hat, zu verstehen versuchen. Wie dieser Fachmann anschaulich erläutert, zeichnete sich der aus dem Blues entstandene Jazz in seinen Anfängen vor allem durch eine Phrasierungsverschiebung von binären Rhythmen hin zur swingenden Triole aus.

    Was die Harmonien des Jazz betrifft, so hat sich das Genre über die Jahre – sehr zum Leidwesen meines Patienten – von der Konsonanz hin zur Dissonanz entwickelt. Nach jahrzehntelanger Evolution von Bebop über Cool Jazz bis hin zum Free Jazz ist die Entwicklung in den 70ern schliesslich zum Stillstand gekommen. Deshalb hat das Genre heute vielfach musealen Charakter, obwohl es eigentlich ziemlich paradox anmutet, die freieste alle Musiken konservieren zu wollen.

    Der Jazz hat viel für die Musik getan. Er hat Pop und Rock von formalen Zwängen befreit und der Tanzmusik das Grooven beigebracht. Trotz seiner unbestrittenen Relevanz meiden Pophörer das Genre jedoch wie die Pest. Es ist ja auch kein leichtes, die eigenen Erwartungshaltungen über Bord zu werfen und das Jazz-Universum mit offenen Ohren zu entdecken. Doch hat man erst mal den Einstieg gefunden, wird man feststellen, dass es den Jazz nicht gibt – weil in dieser Musik alles möglich ist.

    Vielleicht sollte man nicht gleich mit John Coltranes Free-Jazz-Opus „A Love Supreme“ einsteigen, sondern den Schwierigkeitsgrad ganz sachte steigern. Allen Jazz-Skeptikern verschreibe ich eine tägliche Dosis „In A Silent Way“ von Miles Davis. Sollte die Therapie nach einer Woche nicht anschlagen oder sollten Sie Nebenwirkungen verspüren, die Sie an das erinnern, was gegenwärtig in den Medien über iDosing zu lesen ist, dann bleiben Sie wohl besser bei der Popmusik.

    Mein Patient konnte seine Jazz-Phobie übrigens überwinden. Mittlerweile leiht er sich gar von seinem Nachbar Platten aus.

    > Leserfragen an: dr.pop(ät)78s.ch

    13 Reaktionen

    1. #1 Dave

      13:10 Uhr, 4.8.2010, Link

      Hahaha… sehr gut :) Nun ich finde Jazz kann man nicht einfach so schnell mal verstehen. Wenn man nicht offen ist gegenüber dieser Musik wird es schwierig. Aber ich kann auch verstehen, trotz allem das ich ein Jazz Fanatiker bin, dass einige Jazz Songs wirklich nicht jedem, ja schon nicht einmal Jazzern, zugemutet werden kann.

      Aber sonst sollte man sich, wie hier geschrieben wurde, bewusst werden, dass ohne den Jazz viele andere Musik Stile wo nicht dort wären wo diese heute sind.

      Und wer Jazz verstehen möchte sollte sich umbedingt das Buch von „Wynton Marsalis – Jazz mein Leben“ lesen! Ich habe noch selten ein solch gutes Buch über den Jazz gelesen, ausser natürlich Miles Davis seine Autobiographie ;) !!

    2. #2 Marc

      13:34 Uhr, 4.8.2010, Link

      Sehr geiler Artikel, hier gibt es noch ein schönes Video zum Thema „Die Angst vor Freejazz“ http://www.youtube.com/watch?v=k-uvnFfU0PQ

    3. #3 sachma

      14:10 Uhr, 4.8.2010, Link

      Meine Erfahrung als ‚Jazz-Therapeut‘ zeigt, dass wenn jemand fähig ist die Schönheit des Jazz jemals zu finden, wird er sie auch von Anfang an in „A Love Supreme“ wahrnehmen und dann mit der Hilfe von „In a silent way“ richtig verarbeiten lernen. Musik möglichst vielfälltig wahrnehmen zu wollen ist eine Grundvoraussetzung um den Jazz mit all seinen Facetten zu mögen. Doch vielfälltige und differenzierte Wahrnehmung lässt sich nicht nur mit Hilfe des Jazz erlernen. So kenne ich Hörer, die mit zwanzig noch nie Jazz wirklich aktiv gehört haben, sich aber schon immer an Musik (welcher Stil auch immer) betranken. Und genau jene waren nach „A Love Supreme“ völlig besoffen.

    4. #4 Crookie

      16:20 Uhr, 4.8.2010, Link

      In der „Fast Show“ gabs ein geiles Send-Up des Jazz-Wanktums: „Jazz Club“ with Louis Balfour as host – „Niiice.“

      http://www.youtube.com/watch?v=TebUMhJAKSM

    5. #5 Dominique Marcel Iten

      20:23 Uhr, 4.8.2010, Link

      Meiner Erfahrung nach gibt es Jazz und es gibt Jazz.
      Es gib den Jazz, bei dem es wirklich nur darum geht, möglichst abstrakt, virtuos und schräg zu sein und von möglichst keinem Menschen verstanden zu werden, nur, um sich dann als besserer Musiker zu fühlen (dazu gibt es lebendige Beispiele in meinem Kollegenkreis).
      Und es gibt Jazz, welcher unglaublich tief gräbt und Emotionen findet, von denen man bis vor kurzem selbst nichts wusste.
      Ausserdem kann Jazz auch anspruchsvoll, intensiv, frisch und eingängig zugleich sein. Eines meiner Lieblingsbeispiele dafür: Christian Scott und seine „Anthem“ Platte.

    6. #6 N. Senada

      23:18 Uhr, 4.8.2010, Link

      Auch für Hörer von sog. „besserer Musik!“ (sic!) gäbe es eine Fülle von Jazzplatten, mit denen sie sich durchaus anfreunden und in den Jazzkosmos eintauchen könnten. Um nur ein aktuelles Beispiel aufzugreifen: Einen interessanten (und meiner unmassgeblichen Meinung nach geglückten) Sprung über den ideologischen Graben wagte heuer das lokale Rusconi-Trio mit einem Sonic Youth-Coveralbum: http://www.cede.ch/de/music-cd/frames/frameset.cfm?aobj=819239
      Oder wer noch nie Brad Mehldaus Radiohead-Interpretationen gehört hat, sollte die gelegentlich auch mal antesten, z.B. hier: http://www.youtube.com/watch?v=qWkOxYKNZOs
      Und vielleicht sollte man sich dabei die Frage stellen, weshalb Jazzer offener auf Pop (im weitesten Sinn) zugehen, als Popper auf Jazz? Ah, ich weiss schon: Einmal gepoppt – nie mehr gestoppt. Oder so…

    7. #7 Dave

      08:03 Uhr, 5.8.2010, Link

      Ach und und ebenfalls ein grossartiges Album ist das aktuelle Album von Keith Jarrett und Charlie Haden Jasmine erschienen bei ECM Records http://www.derdrummer.ch/musik/cd/keith-jarrett-und-charlie-haden-jasmine/ Und ich denke gerade solche Alben tragen dazu bei, dass der Jazz auch wieder auflebt. Jenseits von schrägen Tönen. Gut ein Jarrett trägt meistens immer zu irgendwelchen schrägen Tönen bei, wenn er mitsingt. Aber das gehört dazu und ist auch gut so ;) !!

      Ich selber bin Jazzmusiker und spiele alles mögliche. Und Jazz ist ja auch nicht nur eine Musik, es ist viel mehr. Es ist eine Lebenseinstellung und wer den Jazz ernst nimmt, der kann damit viel erleben.

    8. #8 peeder

      11:32 Uhr, 5.8.2010, Link

      ich giesse mal etwas öl ins feuer:

      müssen jazzer also „pop“ stücke interpretieren um uns zu gefallen?
      wieso sollte ich mir diese sonic youth und radiohead interpretationen anhören, die nichts weiter sind als mit dem jazz mantel verhüllte, furchtbar langweilige covers?

      ist sowas nicht total belanglos im vergleich zum original? http://www.youtube.com/watch?v=F_4fiMIxO2E

      ist jazz wirklich so ein freier musikstil oder ist er heutzutage vielleicht viel konservativer als pop?

      die relevanz des jazz in der musikgeschichte wird sicher niemand bestreiten und die urväter sind zu recht legenden.

      aber hat in der neueren zeit ein jazzmusiker etwas zur „musikrevolution“ beigetragen? waren dylan, bowie oder byrne jazzmusiker? waren kraftwerk, sonic youth oder nirvana jazzmusiker? sind arcade fire oder yeasayer jazzmusiker? was ist mit techno oder house?

      ich persönlich finde diesen pop viel progressiver.

    9. #9 N. Senada

      13:09 Uhr, 5.8.2010, Link

      Das ist schon richtig so und liegt daran, dass Jazz und Pop je zwei unterschiedlichen Paradigmen angehören und deshalb nicht mit gleicher Elle gemessen werden können. Während der Jazz nach dem Prinzip der Improvisation und Interpretation ausgerichtet ist, herrscht im Popgeschäft das eiserne Gesetz der Innovation. Die Kategorie des Neuen ist der eigentliche Motor der Popmusik: Sie muss sich als neu verkaufen (aber deshalb nicht zwingend immer neu sein), um Aufmerksamkeit und Wirksamkeit zu erlangen. Das kann dann manchmal in kurzfristigen Knalleffekten verpuffen (z.B. bei sog. Onehitwondern) oder dann tatsächlich grössere Revolutionen herbeiführen. Beim Jazz finden solche Revolutionen dagegen im Kleinen, bei der Interpretation einzelner Songs statt, die ständig wieder variiert, dekonstruiert und neu interpretiert werden. Das kann einer durchaus als langweilig empfinden, wenn er als Popkonsument daran gewöhnt ist, häufig auch live exakt das reproduziert zu bekommen, was schon endlos auf dem Plattenteller rotiert. Gerade deshalb drängt es den Pop auch ständig immer nach vorne zu Innovation und zum Neuem, weil das sonst stagnierende Repetoire irgendwann auch zur langweiligen alten Leier würde. Der Jazz braucht solche äusseren Innovationsschübe nicht unbedingt, weil er nicht bei songtechnischen Identifikations- und Reproduktionsmustern stehen bleibt, sondern ein ausgesprochen reges und dynamisches Innenleben besitzt.

    10. #10 peeder

      15:26 Uhr, 5.8.2010, Link

      @N. Senada
      gebe dir mit dem meisten recht. genau dieser unterschied entscheidet wohl ob man mit jazz was anfangen kann oder nicht.
      mein problem mit dem (heutigen?) jazz ist eben gerade dass es vorwiegend um improvisation und interpretation geht. technisches können steht viel zu sehr im vordergrund (wieso bräuchten wir sonst jazzschulen).
      in der runde wird das können demonstriert, die improvisation und technische leistung vorgeführt. man applaudiert dem solisten. der song selber ist dabei irgendwie zweitrangig. das ist für mich solides handwerk, das respekt verdient – eine disziplin, aber emotionen weckt das keine bei mir. irgendwie geht mir so die romantik am musizieren verloren.
      bei (gutem) pop hingegen kann alles passieren. da muss nicht erst jahrelang geübt werden. da geht es um den song. da reicht eine simple bassline, vom synthie gedoppelt und die „liebe reisst uns (wirklich) auseinander“. sowas hätte kein jazzer je hingekriegt.

    11. #11 N. Senada

      16:32 Uhr, 5.8.2010, Link

      Stimme vollkommen zu: Kopf oder Herz – das ist wohl die Frage und la grande différence im Zugang zwischen Jazz und Pop. Berühren kann jedoch beides auf seine eigene Weise. Eine Virtuosität, der ich nicht mehr folgen kann, haut mich persönlich genauso um (und lässt mich mit Staunen und offenem Mund dahstehen), wie andererseits ein mit allem dilettantischen Herzblut dahingeschrammeltes Gitarrenstück mein Innerstes emotional aufwühlen kann. Im 18. Jahrhundert prägte Edmund Burke dafür den begrifflichen Unterschied zwischen dem Erhabenen und dem Schönen, obwohl der gute Burke damals natürlich noch keinen Blassen von Jazz und Pop hatte…

    12. #12 Dave

      17:14 Uhr, 5.8.2010, Link

      Das ist ja das grosse Problem was wir haben in der Musik allgemein. Immer steht Technik im Vordergrund, mal will damit Trumpfen und zeigen was man alles drauf. Aber das die Musik darunter stark leidet merken die wenigsten, leider. Auch Jazzschulen haben nicht alles verstanden. Ich habe genug erlebt.

      Technik darf nie über einer Musik stehen, Technik sollte als ein Hilfsmittel angesehen werden, womit man sich eben nachher musikalisch besser ausdrücken kann. Das hat auch schon Jojo Mayer gesagt! Technik ist somit ein Hilfsmittel um sich musikalisch besser ausdrücken zu können.

      Was bringt es, ich rede jetzt mal von Drummern da ich selber einer bin, Drummern wenn sie schnelle Rudiments, unglaublich schnell spielen können, aber nachher die ganze Musik damit unterdrücken. Das bringt nichts. Ich spiele erst für die Musik und nutze dazu meine Technik. Aber Musik ist kein Spitzensport und das ist leider heute ein grosses Problem vor allem auch bei Drummern.

      Der Jazz wurde davon leider auch nicht verschont!

    13. #13 samuel

      15:19 Uhr, 8.8.2010, Link

      Für mich ist Jazz in erster Linie live-Musik, die auch in erster Linie dann verstanden wird, wenn man live dabei ist. Je freier umso extremer ist der Jetzt-Charakter. Ich habe schon einige grossartige Konzerte erlebt und in der Begeisterung die CD gekauft, aber die meisten funktionieren dann höchstens im Sinn, dass ich mich nochmals in das Konzert hineinversetzen kann.
      Nichts gegen Aufnahmen, ich möchte sie nicht missen, aber ab und zu erinnere ich mich, dass eigentlich die Hälfte davon fehlt.. der Raum, die Athmosphäre, die Zuschauer, usw…

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