Dr. Pop’s Beginners Guide zu den Genres der 00er-Jahre

Kann sich noch jemand an Nu Rave erinnern? Falls nicht, können die Erläuterungen von Dr. Pop der Erinnerung hoffentlich auf die Sprünge helfen.

Dr. Pop

New Rave (aka Nu Rave, Neu Rave)
Wie die meisten Genres ist auch der New Rave ein rein mediales Konstrukt. Erstmals verwendet wurde der Begriff 2006 auf einem Flyer, mit dem das erste Konzert der Klaxons beworben wurde. In Interviews gab die Band schliesslich zu Protokoll, sie hätte mit dem ironisch gemeinten Ausdruck lediglich die Medien an der Nase herumführen wollen, was dem Londoner Quartett auch gelungen ist: Der NME hat das wohl kurzlebigste Genre aller Zeiten im Zuge des Hypes um Klaxons, Test Icicles, Shitdisco und Konsorten populär gemacht. Bereits 2008 konstatierte die britische Musikpostille jedoch: “New Rave is over”. Geblieben sind die Synthesizer und die knalligen Klamotten. Wir warten indes nach wie vor auf das zweite Album der Klaxons.

Freak-Folk (aka Free-Folk, New Weird America, Naturalismo)
Die Wortschöpfung Freak-Folk lässt sich nicht auf einen bestimmten Urheber zurückverfolgen. Die Geburtsstunde des Genres dürfte jedoch im Jahre 2004 anzusiedeln sein, als Devendra Banhart zum Anführer der neuen US-Folk-Bewegung auserkoren wurde, weil er wie Jesus aussah, die Freak-Folk-Urmutter Vashti Bunyan vergötterte und die Compilation “Golden Apples Of The Sun” kuratierte, auf der die ganze Neo-Hippie-Familie aus dem Dunstkreis des bärtigen Barden versammelt war. Der Guru selbst schlug den Begriff Naturalismo vor, der sich allerdings ebensowenig durchsetzen konnte wie das Label Free-Folk, das der schottische Musikjournalist David Keenan der Szene in seinem Artikel “New Weird America” aufdrückte. Die psychedelische Wirkung des Freak-Folk hallt im gegenwärtigen Psych-Revival nach.

Post-Metal (aka Metal-Gaze, Hipster-Metal)
Der Nu-Metal der späten 90er ist mittlerweile von der Bildfläche verschwunden. Abgelöst wurde er vom Post-Metal. Wie die Post-Moderne und der Post-Rock ist auch der Post-Metal ein schwammiges Sammelbecken für Künstler, die althergebrachte Strukturen einer bestimmten Kunstform – in diesem Falle des Heavy Metal -  zu überwinden versuchen. Stilistisch ist diese Schublade, in die von Drone bis Progressive alles Mögliche passt, deshalb sehr vage definiert. Die Wurzeln des Post-Metal liegen in den frühen 90ern als Bands wie Helmet und Neurosis die Klischees des Metal grossräumig zu umschiffen begannen. Tool wurden als erste mit dem Label versehen, doch erst durch Bands wie Isis, Mastodon und Sunn O))) hat sich das Genre als Überbegriff für eine clevere Spielart des Metal etabliert. Die vor allem in Amerika gebräuchlichen Bezeichnungen Metal-Gaze und Hipster-Metal hört man hierzulande eher selten.

Dubstep (aka Yardcore)
Dubstep ist ein Kind der Londoner Subkultur, das um die Jahrtausendwende in der Garage- und der 2-Step-Szene gezeugt wurde. Die Veranstalter von Ammunition Promotions kreierten die Wortschöpfung, um die Dub-affinen Sounds zusammenzufassen, die damals in den Clubs in Süd- und Ost-London zu hören waren. Eine Titelgeschichte des XLR8R-Magazins über Horsepower Productions, in der auch der alternative Genre-Begriff Yardcore fiel, brachte den Dubstep-Hype schliesslich ins Rollen. Charakteristisch für das Genre sind massive Sub-Bässe, ein düstere Grundstimmung sowie die sogenannten Wobble-Effekte, die durch Filter-Modulationen herbeigeführt werden. Mit dem Erfolg des sagenumwobenen Produzenten Burial schwappte die Dubstep-Welle in der zweiten Hälfte der 00er-Jahre schliesslich über den Atlantik.

Grime
Grime (engl. Schmutz) wird oft als Schwester-Genre des Dubstep bezeichnet. Im Gegensatz zum vorwiegend instrumentalen Dubstep, bei dem Produzenten im Vordergrund stehen, sind die Exponenten der Grime-Szene in erster Linie Rapper. Zwar sind die im jamaikanischen Dancehall verwurzelten Bässe ebenso wuchtig wie beim blutsverwandten Genre, jedoch ist die Stimmung im Grime deutlich aggressiver. Das Genre geht auf die einflussreiche Londoner Roll Deep Crew zurück, deren Mitglieder Dizzee Rascal und Wiley mit ihren Solokarrieren dem Grime zum Durchbruch verholfen haben. Mittlerweile hat sich der Begriff vom Dubstep abgenabelt und wird auch auf Acts aus dem Dunstkreis des Produzenten Diplo wie M.I.A. und Santigold angewandt.

Blog-House
Das Urban Dictionnary nennt zwei Definitionen des Begriffs Blog-House: 1. Ein Dance-Music-Genre, das von Electro und French-House beeinflusst ist. 2. Ein nicht-existentes Musik-Genre, das sich über Musik lustig macht, die auf Blogs gepostet wird. Da das zum Genre mutierte Schimpfwort in erster Linie über die mediale Verbreitung via Blogs definiert wird, ist die Spielart musikalisch entsprechend schwer zu fassen: Von Dan Deacon über MGMT bis hin zu Justice kann man damit so gut wie alles in Verbindung bringen, was tanzbar und hip ist. Der diffuse Begriff Blog-House trifft den Nagel allerdings trotzdem auf den Kopf, weil sich durch Musikblogs eine Fast-Food-Remix-Kultur etabliert hat, in der ähnlich fantasielos rezykliert wird wie in der House-Szene der Gegenwart.

Nu Gaze
Der Begriff Nu Gaze bringt den vielleicht grössten musikalischen Megatrend der späten 00er-Jahre auf einen Nenner. Von Shoegazern wie My Bloody Valentine, Slowdive oder Cocteau Twins beeinflusst zu sein, gehört gegenwärtig zum guten Ton. Wie im England der späten 80er starrt man beim Musizieren heute wieder vermehrt auf die eigenen Füsse und ertränkt die Gitarrenriffs in Reverb-Fluten. Produktionstechnisch macht sich dies durch einen überdurchschnittlichen Einsatz von Hall bemerkbar. Songs dürfen wieder repetitiv, lethargisch, ausschweifend und lärmig sein. Wie Freak-Folk und Nu Rave ist auch Nu Gaze ein Revival-Genre, das unverblümt die Popgeschichte plündert. Geografisch lässt es sich keiner bestimmten Szene zuordnen. Ob M83, Atlas Sound, A Place To Bury Strangers, No Age oder Ulrich Schnauss – alle sind sie irgendwie Nu Gaze.

Fazit
Chill-Wave, Crunk, Nerdcore, Chipmunk… die Liste liesse sich bestimmt noch weiterführen. Doch Sie müssen mich entschuldigen, gerade ist in meiner Praxis nämlich ein Patient eingetroffen, der möchte, dass ich ihm das Genre Wonky anhand von Hörbeispielen erläutere. Deshalb halte ich das Fazit kurz: Die 00er-Jahre haben die alte Erkenntnis, dass Genres in erster Linie mediale Fremdzuschreibungen sind, mit denen die Exponenten der betroffenen Szene wenig anfangen können, untermauert. Zudem hat die Dekade deutlich gemacht, dass längst keine genuinen Genres mehr entstehen können. Die bereits bestehenden Spielarten können sich lediglich noch zu Sub-Genres ausdifferenzieren. Doch auch wenn die stilistischen Grenzen mittlerweile ausgelotet scheinen, sind noch längst nicht alle Songs geschrieben.

78s lässt die auslaufende Dekade Revue passieren. Dies ist der zweite Teil einer Serie über die Musik der 00er-Jahre.

> Leserfragen an dr.pop(ät)78s.ch

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Diskussion

4 Reaktionen

    Linksrum vom 17.11.2009 | Hey Tube

  1. #1 jdw

    13:13 Uhr, 17.11.2009, Link

    bei nu gaze gäb’s noch die unterkategorie shit-gaze zu erwähnen, einer meiner liebsten neueren genrebegriffe.

  2. #2 Dominique Marcel Iten

    14:42 Uhr, 17.11.2009, Link

    Als Musiker und Journi ist man dann immer so blöd zweigeteilt. 1. Will man den Leuten keine blöden, verfälschenden Genrebezeichnungen andrehen aber 2. hat man ja die Vorgabe, dass die Leute verstehen, was man ihnen da anpreist…

  3. #3 Tom

    22:02 Uhr, 18.11.2009, Link

    @Dominique: Stimme ich zu, mit der Einschränkung, dass die Begriffe ja nicht zwangsläufig verfälschend sein müssen. Einschränkend vielleicht, nicht alle Aspekte umfassend. Aber das ist ja wahrscheinlich mit jedem Begriff so :)

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