Dr. Pop, was kann man gegen einen Burnout tun?

Immer mehr Menschen fühlen sich ausgebrannt, weil sie die Reize, die ununterbrochen auf sie einprasseln, nicht mehr verarbeiten können. Bonaparte können ein Liedchen davon singen: Much too much too much too much…

Dr. Pop

In meiner Praxis häufen sich die Fälle von Burnouts. Die Rede ist nicht von überarbeiteten Managern, die bei mir Empfehlungen für entspannende Musikabende einholen möchten, um ihre Work-Life-Balance wieder herzustellen, sondern von Menschen, die sich trotz einem stressarmen Arbeitsalltag ausgebrannt fühlen. Der Spass am Musikhören ist ihnen vergangen, denn sie ertrinken in Musik. Ihre Festplatten stossen ebenso an die Kapazitätsgrenze wie ihr musikalisches Aufnahmevermögen.

Mit matten Stimmen erzählen mir die betroffenen Patienten, wie sie früher für ihre Lieblingsbands geschwärmt haben, wie das Hören gewisser Platten einem Ritual gleichkam, wie sie wochenlang Konzerten entgegenfieberten und wie sie die Texte ihrer Lieblingslieder in- und auswendig konnten. Heute aber können sie sich die Namen all dieser Bands, die im Shuffle-Modus auf ihren iPods rotieren, nicht mehr merken. Sind das jetzt Crystal Antlers, Crystal Stilts oder Crystal Castles, fragen sie sich, bevor sie nachschauen und feststellen, dass es sich um die Crystal Fighters handelt.

Ich habe grosses Verständnis für den Musiküberdruss meiner Patienten, denn wir leben in einer Zeit, in der mehr Musik verfügbar ist, als die Menschheit überhaupt verarbeiten kann – und dies obwohl wir alle mehr Musik konsumieren als je zuvor. Unser Gehör ist ob der ständigen Berieselung so abgestumpft, dass es uns kaum noch gelingt, in ein Album einzutauchen. Die Reizüberflutung geht so weit, dass manche meiner Patienten nicht mal mehr merken, dass neben dem YouTube-Video, das sie sich anschauen, gleichzeitig noch ein MySpace-Stream um ihre Aufmerksamkeit buhlt.

Die Burnout-Symptome sind höchst unterschiedlich: Manche Patienten klagen über Nervenschwäche, Konzentrationsstörungen oder Entscheidungsunfähigkeit, andere fühlen eine bodenlose innere Leere, wieder andere leiden unter Angstzuständen und träumen von Pirate Bay und Zip-Programmen. Die physischen Beschwerden reichen von Kopfweh über Ohrensausen bis hin zu Herzrasen, vereinzelt kam es auch schon zu epileptischen Anfällen.

Je nach Ausprägung des Burnouts wende ich verschiedene Therapiemethoden an, die in der Regel erfolgreich sind. Früher oder später kommt die Freude am Musikhören bei allen zurück. Nur einer meiner Patienten hat sich, weil er keinen anderen Ausweg aus seinem Musiküberdruss mehr sah, die Ohren abgeschnitten. Herr Gogh beschäftigt sich mittlerweile mit der stillen Kunst der Malerei und ist glücklich mit seinem Leben ohne Popmusik. Damit es nicht so weit kommt, gebe ich Ihnen folgende Tipps für die Selbsttherapie mit auf den Weg:

Konfrontieren Sie sich mit der Stille. Unternehmen Sie ausgedehnte Spaziergänge in der Natur – wohlweislich ohne iPod. Legen Sie sich auf eine Waldlichtung und lauschen Sie dem Wind in den Bäumen. Konzentrieren Sie sich auf das Zwitschern der Vögel. Werden Sie eins mit dem Wald. Stehen Sie nicht auf, bevor Sie nicht Mutter Erde atmen und Vater Kosmos murmeln hören.

Ändern Sie Ihre Hörgewohnheiten. Wieso immer dem neusten Indie-Hype hinterher rennen? Setzen Sie sich mit Musique Concrète auseinander, gehen Sie an Klassik- oder Jazz-Konzerte, hören Sie Hillbilly-Radiostationen im Internet, kaufen Sie sich im Urlaub lokale Volksmusik oder lassen sie ihre Seele zu japanischer Tempelmusik baumeln.

Reduzieren Sie Ihren Konsum. Ein kalter Entzug ist nicht zu empfehlen, denn wir alle brauchen Musik, um die Grausamkeit dieser Welt überhaupt ertragen zu können. Doch wie bei allen Drogen gilt es auch bei der Musik, sie in vernüftigem Mass zu konsumieren. Stoppen Sie deshalb jetzt Ihre laufenden Downloads und widmen Sie sich erst einmal der Musik auf Ihrer Festplatte. Mal ehrlich, wie viele Prozent davon haben Sie sich jemals angehört?

Praktizieren Sie Slow-Listening. Für die Dauerberieselung ist gute Musik zu kostbar, verbringen Sie deshalb lieber Quality-Time mit ihr: Hören Sie auf Ihrer Anlage ein Album konzentriert durch, anstatt sich ständig auf dem Computer durch Songs zu zappen, die Sie zwanghaft herunterladen. Konzentrieren Sie sich auf die Texte oder auf einzelne Instrumente. Suchen Sie nach einem tieferen Sinn statt nach oberflächlichen Hits. Geben Sie der Musik Zeit zu wachsen.

Machen Sie selbst Musik. Spielen Sie ihre Lieblingssongs nach oder arbeiten Sie an eigenen Kompositionen. Sie werden merken, dass es gar nicht so einfach ist, so gut zu sein wie die Lokalbands, die sie verspotten. Nur wer der Musik die nötige Wertschätzung beimisst, kann sie auch geniessen. Begreifen Sie Musik als Handwerk statt als Produkt, und Sie werden sie mit neuen Ohren hören.

Falls alles nichts nützt, gibt es nur eine Lösung: Fangen Sie noch mal von vorne an. Löschen Sie Ihre Festplatte oder verkaufen Sie Ihre Plattensammlung. Dieser Schritt braucht zwar viel Mut, doch glauben Sie mir, es wird Ihnen ein Stein vom Herzen fallen. Sie werden nur einen Bruchteil der Musik, die Sie angehäuft haben, wirklich vermissen. Kaufen Sie sich darauf jene Alben, die Ihnen am meisten fehlen. Sie werden feststellen, dass auf eine Festplatte viel mehr Musik passt, als es braucht, um glücklich zu sein.

> Leserfragen an: dr.pop(ät)78s.ch

Kategorien: Dr. Pop


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Diskussion

3 Reaktionen

  1. #1 Padde

    19:46 Uhr, 19.10.2009, Link

    Nun gut. Dieser Inspiration folgend werde ich mich jetzt in den Poäng-Sessel fletzen und gemütlich bei Kerzenschein dem vermeintlichen Meisterwerk der Flaming Lips lauschen.

    Und ja, ich bin auch geburnoutet. Musik ist nun mal die einzig verlässliche Programmiersprache für den homo sapiens, auch homo musicae, alternativ homo krach genannt. Das bisschen Reizüberflutung kann man schon verkraften, die Nachbarn sorgen beizeiten auch für die notwendige Stille…

  2. #2 Tim

    22:28 Uhr, 20.10.2009, Link

    danke Dr. Pop.

  3. #3 Middleclassmanoncds

    20:54 Uhr, 30.10.2009, Link

    Musique Concrète oder die letzte Möglichkeit. Ich kann mich nicht entscheiden…

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