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  • 78s-Motel: Marc Krebs – Genug gejammert!

    Von    |   17. November 2007   |   8 Kommentare

    Schweizer Bands sind merkwürdig. Sie jammen gerne. Und sie jammern gerne. Denn sie hätten gerne: Öffentliche Gelder. Öffentliche Anerkennung. Mehr Auftritte. Mehr Räume, Radioairplay, Medienpräsenz.

    Kann man fordern, klar. Nur, was ich mich immer wieder frage: Wie sehr sind sie bereit, sich für ihre Kunst aufzuopfern? Die Frage stelle ich mir in einem Bed & Breakfast in Airdrie. Schottische Provinz. Gestern habe ich in einem Theaterfoyer in Glasgow gespielt. Als Tourschlagzeuger von Andy White. War ein schönes Konzert. Doch Hotel nicht inbegriffen. Essen auch nicht. Die Norm, wenn man nicht Maxïmo Park oder David Gray heisst.

    Andy wuchs in Belfast auf, zu einer Zeit, als Bombendrohungen Alltag waren und Fragen nach der Konfession gefährlich. Eindrücke mussten raus – Songs geschrieben, Bühnen bespielt werden. Das ist über 20 Jahre her. Noch immer reist er jedes Jahr vier Monate durch Europa und Nordamerika. Die Zeiten, als er in der BBC- oder DRS-3-Rotation war, sind vorbei. Um sich und seine kleine Familie mit Gagen und CD-Verkäufen über Wasser halten zu können, muss er immer wieder auf Tour. Eine Ochsentour. Verzicht lautet die Devise. Andy hat keinen iPod. Keine acht Paar Turnschuhe. Keinen Proberaum mit Versicherungswert 15’000 Stutz. Und kein Problem damit. Er hat sich für das Leben eines Künstlers entschieden.

    Solche Menschen gibt es auch in der Schweiz. Aber sie sind in der Minderheit. Was mir hier nicht alles zu Ohren kommt: Da gewann eine Band CD-Fördergelder, 10 000 Franken, löste sich dann vor dem Release auf, weil die Sängerin ein Auslandjahr einlegen wollte. Oder da war jene Band, die einen Deal mit einer deutschen Major-Firma auf sicher hatte, aber nicht unterschrieb, weil im Vertrag festgeschrieben war, dass das Album mit einer stattlichen Anzahl Konzerte begleitet werden muss. Die Gruppe wollte zwar gerne Musik machen, aber nicht jedes Wochenende unterwegs sein. Also lehnte sie ab.

    Dass Bands zweimal wöchentlich proben, irgendwann eine CD aufnehmen, und dann die Welt nicht verstehen, dass niemand darauf gewartet hat, erstaunt mich nicht mehr. In der Schweiz geht es vielen Musikern zu gut. Alles auf diese Karte setzen? Dazu fehlt nicht einfach nur der Markt, sondern auch der Mut, der Wille und die professionelle Einstellung. Vergleiche ich das mit England, so stelle ich fest: Viele Bands hier haben Luxusprobleme. So wünsche ich mir, dass sich all die Schweizer, die auch auf dieser Plattform klagen, sich gelegentlich fragen: «Wie bereit bin ich, mein ganzes Leben meiner Kunst unterzuordnen?»

    Marc Krebs ist Kulturredaktor bei der Basler Zeitung und als Musiker in den Formationen Andy White’s Garageband, Gabriel Vetter & Wirtschaft sowie Wilde bühnenreif. Und ja, manchmal jammert er auch.

    8 Reaktionen

    1. #1 le sras heureux

      12:34 Uhr, 17.11.2007, Link

      danke für deinen exzellenten und treffsicheren text, marc.
      ich probe mit meiner band zweimal die woche, wir veröffentlichen cds auf die niemand wartet und erkannten irgendwann: wir sind eine richtige schweizer hobby band.
      und ich bin sehr zufrieden mit dieser erkenntnis. es hindert mich nicht musik zu machen, die mir gefällt, meinen ansprüchen genügt und mich so – und sogar noch ein paar andere menschen – ein stück weit glücklich macht. das ist verdammt viel. i’m happy sars.

    2. #2 David Bauer

      15:10 Uhr, 17.11.2007, Link

      sehr schön gesagt. ich glaube, diese erkenntnis würde auch anderen gut tun.

      hier wird übrigens ebenfalls über diesen artikel diskutiert:
      http://facts.ch/articles/168390

    3. #3 Patrik

      00:04 Uhr, 19.11.2007, Link

      Gratulation; auf den Punkt gebracht. Auch ich probe zweimal die Woche mit meiner Band und mache Musik, die niemand hören oder kaufen will. Aber das ist mir scheissegal, denn darum geht es mir nicht!
      Übrigens war mein Moteleintrag vor einem halben Jahr inhaltlich fast identisch, vielleicht etwas polemischer geschrieben, aber zwischen den Zeilen: same same.

    4. #4 momo

      01:13 Uhr, 19.11.2007, Link

      gut gebrüllt löwe… nun ist es in der kultur nicht über all so in der schweiz?

      dieses pseudo europäische getue der filmbranche geht mir auch gewaltig auf den sack… und die bergen, die bergen! DIE BERGEN! wieso gibts keinen wirklichen indie-alpen-rock? (kommt mir jetzt nicht mit gotthard!!!) wo bleibt die eigene identität?

      wir sind anscheinend einfach alle zu faul, behindern uns mit kantönli geist und versinken in neid wenn einer/eine sich mal getraut. tragisch!

      oder noch provokativer? wir sind zu reich – schafft den popkredit ab!

    5. #5 Mathias Menzl

      09:50 Uhr, 19.11.2007, Link

      wir sind zu reich? wir sind nicht zu reich, uns ist das gute Leben mit ausreichend kohle zu wichtig. Das ist das problem und damit hat marc krebs vollkommen recht mit seiner kritik. andere europäische länder mit vergleichbarem lebensstandard und lebenshaltungskosten bringen ebenfalls wunderbar gedeihende musik-szenen hervor. betrachten wir es doch mal historisch (achtung Weltwoche-Tendenz): bei musik geht’s um kunst. wirklich gute kunst machen nur menschnen, die sich ihrer kunst auch hingeben. das ist und war schon immer so. wir schweizer sind ein arbeitervolk, kein volk von schöngeist und muse. darum klappts auch mit der kunst nicht wirklich…
      @momo: was bitteschön wäre Alpen-Indi??? Florian Ast/Michael von Heide meets Chewy oder so? Heidi Happy ist Alpen-Indie…

    6. #6 le sras retourne

      19:01 Uhr, 19.11.2007, Link

      was ich so mag am krebs’schen text, ist:
      es geht um die nicht erfüllten Erwartungen, um die Meinung, man hätte etwas besseres verdient. es geht um das jammern. er sagt: seid verdammt nochmal ehrlich zu euch oder haltet die klappe. (wobei das erste offenbar das zweite ergibt, wie die spärlichen beiträge in dieser diskussion zeigen, oder haben sich alle für die volle hingabe entschieden und job, wohnung und internet-abo gekündigt??)
      Krebs sagt jedoch mit keinem wort, es gäbe in der schweiz keine musik mit format, geschweige denn identität.

      ich behaupte, ebendiese musik zu bewerkstelligen setzt nicht voraus, dass man ihr sein ganzes leben hingibt. hingabe kann auch in kleinen „hobby“-, „freizeit“- oder „spass“-fenstern passieren und tolle musik hervorbringen. musik, die zumindest den rufen nach identität und eigenständigkeit auf ihre schweizerische art gerecht werden kann.
      Krebs‘ abschliessende frage „Wie bereit bin ich, mein ganzes Leben meiner Kunst unterzuordnen?“, sollte erst dann gestellt werden, wenn man sich zu den jammerern gesellt. vorher sehe ich keine notwendigkeit dazu.

    7. #7 one of those who slam doors

      19:41 Uhr, 19.11.2007, Link

      alles chasperlitheater…

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